Nach Tondo wollen Sie“, fragte ungläubig der Taxifahrer, als wir am Roxas Boulevard, der Prachtstraße Manilas, in seinen verbeulten Wagen einsteigen wollten. „Von hier fährt nie einer nach Tondo“, wiederholte der Fahrer, „Leute wie Sie schon gar nicht. Wir lassen uns ja schon nicht in dieser Gegend blicken. Wenn sie nur beraubt werden“, meinte er mit einem Blick auf meine Tochter, „dann haben Sie schon Glück gehabt; und Polizei, die läßt sich dort nicht sehen.“

Damit fuhr er kopfschüttelnd los. Wir verließen die etwas gepflegteren Stadtteile von Manila, gelangten auf den Marcos-Highway, der zur brennenden Müllhalde, dem Smoking Mountain, dem Wahrzeichen der Elendsquartiere in Tondo, führt. Am Straßenrand noch einige halbwegs ansehnliche Häuser; Imelda Marcos, offiziell als die First Lady der philippinischen Republik bezeichnet, inoffiziell und grimmiger als der Eiserne Schmetterling, hatte sie dort errichten lassen, um den Papst bei seinem zurückliegenden Besuch wohl den Einblick in seine ärmste und treueste Gemeinde zu erschweren.

Die gut gemeinte Warnung des Taxifahrers erwies sich als unbegründet. Tondo war ja für uns auch nicht das Ziel eines Elendstourismus, sondern sollte für die nächsten fünf Wochen unsere ärztliche Arbeitsstätte sein. So wohnten wir in dieser Zeit in einem schäbigen, heruntergekommenen, baufälligen Haus inmitten der 1,7 Millionen Slumbewohner, die aus den hungernden Provinzen des philippinischen Inselreiches dort auf der Suche nach Arbeit zusammengeströmt waren.

Bald kannten wir unsere Nachbarn: Die unzähligen Kinder, die Mütter und die nach Gelegenheitsarbeit suchenden Männer. Hungrig sehen sie aus, die unterernährten Kinder und ihre jungen, fast immer schwangeren Mütter. Doch sind sie freundlich, fast heiter, und immer gut gelaunt. Betteln haben sie nicht gelernt. Wie sollten sie auch in einer Umgebung, in der alle gleich arm sind. Ganz anders im nur fünfzehn Kilometer entfernt liegenden wohlhabenden Teil der Stadt, in Makati, dem Manhattan Manilas mit seinen klimatisierten Bankgebäuden, Supermärkten, eingemauerten feudalen Wohnbezirken und Parkanlagen. Metro Manila mit seinen fast sieben Millionen Einwohnern ist wohl ein Spiegelbild der sozialen und ökonomischen Verhältnisse der philippinischen Republik. Dem unermeßlichen Reichtum ganz weniger Filipinos steht kraß die unglaubliche Armut aller anderen gegenüber.

Aus den Daten und Zahlen, die von den Gesundheitsbehörden zusammengetragen wurden, läßt sich das Gesundheitsprofil einer Bevölkerung zeichnen. Es beschreibt eindringlich die soziale und ökonomische Situation von Menschen, die noch weiter entfernt von uns leben, als es die langen Flugstunden vermuten lassen. Hier erkranken und sterben Menschen an Bronchitis und Asthma, Tuberkulose und Lungenentzündungen, Magen- und Darmerkrankungen. Sie sind unterernährt und hungern in einem landwirtschaftlich reichen Land, das sogar Reis und Früchte noch exportiert. Sechzig Prozent der Filipinos haben keinen Zugang zu einwandfreiem Wasser. Eine Kanalisation gibt es praktisch nicht. So sind Durchfallerkrankungen Dei Kindern häufig tödlich. Die Kindersterblichkeit ist besonders hoch: 80 von 1000 Kindern sterben in den ersten Lebensjahren (zum Vergleich: in der Bundesrepublik sind es 10 auf 1000).

„Arztlich sind wir durchaus kein unterentwickeltes Land“, sagte mir der philippinische Gesundheitsminister, Dr. Jesus C. Azurin, und wies auf die international bekannten Zentren für Herz- und Kreislauferkrankungen oder für chronische Nierenleiden hin. Daß dies auch Prestigeobjekte seien, mit Entwicklungshilfegeldern von einer ehrgeizigen Regierung finanziert, räumt er ein. Aber sie seien nur ein erster Schritt. Jetzt gelte es, die medizinische Basisversorgung zu verbessern. An Plänen, auch an Bemühungen, die gesundheitliche Situation seiner Landsleute zu verbessern, fehlt es dem Ministerium nicht. Doch von der Planung einer Basisgesundheitsversorgung bis zur Realisierung dieser wahrhaft dringenden Aufgabe ist es ein unendlich weiter Weg. Das ehrgeizige Ziel des Ministeriums, Gesundheit für alle Filipinos bis zum Jahre 2000 zu schaffen, werden wohl weder Dr. Azurin noch sein Nachfolger erreichen.

Einzelne, schon erreichte Ziele werden in schönen, bunten Broschüren ausführlich beschrieben. Auf dem flachen Land wurden Gesundheitszentren, die Barangay Rural Health Units, errichtet. Sie sind ausgestattet mit Ärzten, freiwilligen Gesundheitsarbeitern und den Hilots, den traditionellen Geburtshelferinnen, die sich auch um Familienplanung kümmern. Der Plan soll bislang fast bis zur Hälfte erfüllt worden sein. Aber auch hier schlägt Quantität nicht in Qualität um. Das Niveau der Versorgung bleibt zweifelhaft. Zwar weist die Statistik nach, daß in den letzten zehn Jahren die Lebenserwartung der Filipinos von 58 auf 61 Jahre gestiegen ist, aber auch die Bevölkerung ist in dem gleichen Zeitraum um 34 Prozent angewachsen.