Seit der Invasion auf Grenada fühlt sich Kuba von den Vereinigten Staaten unmittelbar bedroht. Unser Redaktionsmitglied beschreibt eine verunsicherte Führung, die zwischen Verfolgungswahn und Großmäuligkeit schwankt

Von Horst Bieber

Havanna, im Mai

Havanna hat sich in den vergangenen zehn Jahren seltsam widersprüchlich entwickelt. Auf der einen Seite ist die kubanische Hauptstadt sauberer geworden, aufgeräumter und ordentlicher, so, als habe man einen lange aufgeschobenen Stadt-Putz endlich hinter sich gebracht. Die Grünanlgen sind sichtbar gepflegt und gewässert, die im übrigen Lateinamerika gern vernachlässigten Bürgersteige ohne tückische Löcher, und wenn sie doch einmal voller Bauschutt liegen, dann nur, weil im Haus tatsächlich renoviert und umgebaut wird. Rostige Eisengitter sind lackiert, einzelne Hausfassaden angemalt worden; der Marsch in das sozialistische Einheitsgrau ist verlangsamt, wenn nicht gar gestoppt worden.

Auf der anderen Seite macht die punktuelle Stadtverschönerung den allgemeinen Verfall nur noch deutlicher. Blätternder Putz, hängende Fenster, verfaultes Holz, Schwamm und zerfressener Beton, notdürftig gedeckte Dächer – nicht nur bei den vielen großen, heute leerstehenden Villen – beweisen, daß auch Havanna von der (Bau-) Substanz lebt. Wenn die Stadt trotzdem nicht den Eindruck erbärmlichen Verfalls wie etwa Lima oder La Paz wachruft, dann liegt das einzig an dem, was Fidel Castro und seine Guerilleros am 1. Januar 1959 vorfanden, nämlich eine der reichsten, schönsten und blühendsten Kommunen Lateinamerikas. „Die Perle der Karibik“ hieß sie damals und verdiente ihren Ruf. Zwar möchten die Fidelisten heute gern glauben machen, sie hätten vor 25 Jahren am Punkte Null angefangen, aber für solche Geschichtsklitterung ist die Revolution noch zu jung und das bürgerliche Havanna zu sichtbar, zu sichtbar auch erst im Niedergang begriffen.

Renoviert und restauriert werden bevorzugt die Zeugnisse der kolonialen Vergangenheit, die Forts, Rathäuser, adeligen Stadtpalais, selbst die Kirchen. Seit drei Jahren fließt etwas Geld für solche Zwecke aus dem Ausland oder von internationalen Organisationen – die Bundesrepublik etwa unterstützt die Wiederherstellung der ältesten Kirche Havannas. „Viel zu wenig“, sagt die zuständige, blutjunge Architektin stolz, „siebzig Prozent gibt Kuba dazu.“ Ihr Akzent verrät sie, eine Mirista aus Chile, die mehr Glück hatte als viele ihrer Kampfgenossen von der extremen Linken und rechtzeitig vor Pinochet fliehen konnte. Ob das Geld nicht für Wohnhäuser und Wohnungen besser angelegt sei? „Auch eine Revolution braucht ihre Geschichte“, wehrt sie überzeugt ab. Nicht die ganze Geschichte seit dem Tod des indio-Führers Habanak, der dem Ort seinen Namen gab, sondern die guten, fortschrittlichen Teile, so wie die DDR die „gute“ deutsche Geschichte für sich reklamiert und die „schlechte“ der Bundesrepublik zuweist. Die kommunistische Revolution sucht die Verbindung zum antikolonialen Nationalismus, der fast zweihundert Jahre alt ist, wenngleich in Europa so gut wie unbekannt – Alexander von Humboldt ausgenommen, den auch das fidelistische Kuba deswegen verehrt.

Der Anekdoten-Held heißt Maceu. Mit der Machete wollten er und seine Freischärler im vorigen Jahrhundert auf die spanischen Soldaten mit ihren modernen Gewehren losstürmen. Sein Comandante äußerte Bedenken, die Maceu selbstbewußt zurückwies: „Nicht die Waffe zählt, sondern die Hand, die sie führt.“