Von Günter Gaus

Das Thema heißt: Die deutsch-deutschen Beziehungen, betrachtet vom Standpunkt der DDR aus. Mir erscheint es als nicht ganz fair der DDR gegenüber, wenn ein Westdeutscher dieses Thema behandelt. Warum? Alle anderen Themen dieses Workshops behandeln die Deutsche Demokratische Republik als einen Gegenstand per se, dessen Existenzbedingungen, wie sie sich im politischen System, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft ausdrücken, von außen, von dritter Seite analysiert werden sollen. Dabei kann es dann sein, daß – wenn ein Westdeutscher die Analyse versucht – die angestrebte Objektivität ein wenig Schaden nimmt, weil er nicht irgendeinen, sondern den anderen deutschen Staat betrachtet und deswegen, bewußt wie unbewußt, Vergleiche auch da zieht, wo nur der Gegenstand allein das Untersuchungsobjekt sein soll. Darin also mag eine gewisse Versuchung zum Subjektivismus liegen; aber sie ist verständlich und mit einiger Anstrengung tolerabel klein zu halten.

Bei meinem Thema jedoch sind das direkte Engagement, die subjektive Beteiligung inhaltlich vorgegeben. Ich soll ja nicht über die Beziehungen der DDR zu Österreich, Polen oder den USA sprechen. Die deutsch-deutschen Beziehungen gibt es ohne die Bundesrepublik nicht, die ich sechseinhalb Jahre bei der DDR vertreten habe. Im günstigsten Falle, so habe ich dabei auf der Suche nach Kompromissen zwischen den Interessen der beiden Staaten gelernt, ohne die Verträge bekanntlich nicht möglich sind – im günstigsten Falle kann man als Westdeutscher den Standpunkt der DDR durch westdeutsche Augen sehen, um ihn so wenigstens einmal neben dem eigenen Standpunkt wahrzunehmen. Es bleibt aber das falsche Auge, das eine partielle Blindheit unvermeidlich macht. Nur nach diesem Hinweis werde ich nun, gefährlich verkürzt, fünf Bemerkungen über die deutsch-deutschen Beziehungen wagen; so, wie ein Westdeutscher meint, daß sie sich von der DDR aus ansehen.

1. Als vor über einem Jahrzehnt staatliche Verhandlungen zwischen Ost-Berlin und Bonn aufgenommen wurden, ergänzten damit beide deutschen Staaten die seinerzeitige Politik ihrer jeweiligen Vormacht, der Sowjetunion und der USA. Gerade angesichts einer gewissen Aufgeregtheit im westlichen Lager in den vergangenen Monaten über Deutschland, worunter man seit einiger Zeit nicht mehr nur die Bundesrepublik, sondern auch wieder die DDR begreift, woraus eben die Aufgeregtheit sich speist – gerade unter diesen Umständen ist die Erinnerung nötig, daß Anfang der siebziger Jahre beide deutsche Regierungen nur der Generallinie ihres jeweiligen Blocks folgten, Washington wie Moskau bemühten sich, Entspannung in Europa durch geregelten Dialog und verbriefte Absprachen, durch Anerkennung des Status quo herbeizuführen. Dementsprechend verhandelte Bonn außer mit Ost-Berlin auch mit Moskau, Warschau und Prag.

Über deutsch-deutsche Sondermöglichkeiten außerhalb oder unterhalb des Verhältnisses der beiden Blöcke in Europa wurde weder am Rhein noch an der Spree nachgedacht. Im Gegenteil: Die Führung der DDR benutzte den Grundgedanken der damaligen Ost-West-Politik, die Anerkennung des europäischen Status quo, um die damit verbundene Anerkennung ihres Staates durch die Bundesrepublik möglichst frei von gesamtdeutschen Vorbehalten und Besonderheiten, wie Bonn sie juristisch aufrechterhielt, durchzusetzen.

Das Ergebnis war ein Kompromiß, mit dem auch in den Augen der SED, der herrschenden Partei der DDR, beide Seiten praktische, konkrete Politik bilateral und im Rahmen ihrer Blöcke betreiben konnten. Aber bis auf den heutigen Tag hat die DDR das, was sie damals nicht erreichte, als grundsätzliche Forderung beibehalten: Anerkennung ihrer Staatsbürgerschaft, Umwandlung der Ständigen Vertretungen in Botschaften, um die beiden wichtigsten zu nennen.

Für das Regime der DDR liegt auch weiterhin zwischen Stillschweigen über diese alten Forderungen, leise davon sprechen oder sie laut betonen die Möglichkeit, ihre jeweilige Position in den deutsch-deutschen Beziehungen – zwischen Kompromißbereitschaft und Kompromißverweigerung in praktischen Fragen – zu markieren. Wichtig ist, sich immer bewußt zu bleiben, daß die DDR ihre Grundforderung niemals aufgegeben hat, aus den Beziehungen zwischen Ost-Berlin und Bonn alle gesamtdeutschen Besonderheiten zu eliminieren und Beziehungen herzustellen wie beispielsweise mit Österreich – alle drei Staaten liegen in Mitteleuropa und sind deutschsprachig. Das ist für die SED keine taktische Haltung, die ihren Preis hat, für den sie sich ändern würde. Sie wird sich nicht ändern, sie ist für keinen Kredit abzulösen.