Von Ulrich Greiner

Cannes, 18. Mai.

Wollen Sie mehr wissen über Malcolm Lowrys Buch und John Hustons Film „Unter dem Vulkan“ und besonders über den „Mescal“, den faszinierenden Drink? Mit Handzetteln, die in den Pressefächern liegen, wirbt eine Bar in Cannes für den Schnaps. Ihn zu trinken, ist ganz zweifellos ein Weg, sich dem Roman von Lowry zu nähern. Mescal wird aus Anis gebraut, gleicht also jenem Getränk, mit dem sich Joseph Roth ins Grab getrunken hat. Mit Mescal bringt sich Geoffrey Firmin um, Held und autobiographisches Ebenbild in Lowrys 1947 erschienenem Roman. Er nahm darin sein eigenes Ende vorweg. In gewisser Hinsicht war „Unter dem Vulkan“ Lowrys „Legende vom Heiligen Trinker“, in der Josepn Roth sich selber den Nachruf schrieb.

Es genügt allerdings nicht, betrunken zu sein, um Lowry und Roth, diese begnadeten Dichter und verdammten Trinker, zu verstehen. Alkoholismus war für sie nicht nur der einzige Weg, die unerträgliche Wirklichkeit zu ertragen, sondern zugleich ein Erkenntnismittel, diese Wirklichkeit mit einer extrem gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit zu empfinden und zu beschreiben. Ihr Gluck und ihr Elend bestand darin, nur mit Hilfe des Schnapses jene höchste Form der Nüchternheit erreichen zu können, die einem Nichttrinker verschlossen bleibt. Von dieser Nüchternheit heißt es im Roman, sie sei die „gefährliche, kostbare, so schwer zu erreichende Stufe des Trunkenseins, auf welcher allein er nüchtern war.“

„Unter dem Vulkan“ ist auch die Geschichte einer gescheiterten Liebe, zwischen Yvonne, einer schönen, reichen Frau, und Geoffrey, dem englischen Konsul in einer mexikanischen Stadt, am Fuß des Popocatepetl. Eines überraschenden Tages kehrt Yvonne zu ihm zurück. In dem Film von John Huston ist dies die gelungenste Szene. Der Konsul (Albert Finney) sitzt in einer fast leeren Bar und hält eine einsame, verlorene Rede an die Adresse des Barkeepers. Yvonne (Jacqueline Bisset) kommt zur Tür herein. Aufmerksam geworden durch einen Blick des Barkeepers wendet er den Kopf, und sieht sie, diese Frau, die er so sehr liebt. Er sieht sie wie ein plötzliches Traumgesicht, stockt in seinem Monolog, fährt mühsam fort, noch präziser artikulierend, dreht wieder den Kopf, erstarrt aufs Neue, trinkt einen weiteren Schnaps, wie um ein Gespenst zu verscheuchen.

Es genügt allerdings auch nicht, nüchtern zu sein, um Lowry zu verfilmen. Huston ist zu nüchtern. Das Schreckliche an diesem Roman ist, daß er die Selbstvernichtung, von der er handelt, so plausibel macht. Es ist, so lehrt er, gleichgültig, wie lange man lebt. Und das Schöne an dem Roman ist, daß er diese Spanne des Lebens, die jedem zugemessen ist, als eine wunderbare Gleichzeitigkeit von Gefühlen und Erinnerungen, Bildern und Gedanken beschreibt, als eine Welt, in der nichts unwichtig, in der alles zugleich inständig anwesend ist.

Huston hingegen beschränkt sich auf die sorgfältige Abbildung und Abfolge einer Handlung. Er entwickelt eine konventionelle Meisterschaft darin, diesen Trinker als tragische Figur zu schildern, der, umgeben von einer düsteren mexikanischen Folklore, seinem Ende mannhaft entgegengeht. Albert Finney spielt den Konsul so gut, wie man ihn eben spielen kann, wenn man schauspielerische Perfektion anstrebt. Aber er ist immer eine Spur zu betrunken und zu tragisch. Den schmetternden Witz der Verzweiflung, den heiteren Wahnsinn, die fatalistische Weisheit des Romans – all das hat der Film nicht.