Von Roger de Weck

Kamal Hassan Ali, der ägyptische Außenminister, verlor die Beherrschung: "Nur durch einen chirugischen Eingriff, so sagte er verächtlich, könne man auf das Verhalten des "geisteskranken" Gaddhafi einwirken; im Verkehr mit dem unsteten Libyer versagten allemal die klassischen Mittel der Politik und der Diplomatie.

Der ägyptische Minister täuschte sich. Libyens Gewaltherrscher Muammar al-Gaddhafi hält sich zwar nicht an das Völkerrecht, wohl aber an das Recht des Stärkeren. Wenn seine militärischen Unternehmungen keine Aussicht auf Erfolg mehr haben, gibt er – zumindest fürs erste – klein bei. Wenn er Gefahr wittert, wird Gaddhafi beinahe furchtsam. Jetzt möchte er mit seinem Widersacher Francois Mitterrand einen Kompromiss eingehen. Schon wird eine Möglichkeit ventiliert: Ziehen Libyen und Frankreich demnächst ihre Truppen aus dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Tschad zurück?

Noch im März gab sich der libysche Diktator unerbittlich: "Der Tschad ist die Verlängerung Libyens", verkündete Gaddhafi. Doch dann besann er sich eines Besseren. Ende April gestand er in einem Fernsehinterview erstmals die Anwesenheit libyscher Soldaten im Norden des Tschad ein – und bot bei der Gelegenheit auch gleich deren Rickzug an.

Mitte Mai ging der Libyer noch einen Schritt weiter. Er beteuerte seine Bereitschaft, "unsere Experten im Tschad sofort zurückzuziehen". Überdies war er unvermittelt voll des Lobes für Mitterrand. Den französischen Präsidenten hatte Muammar al-Gaddhafi vor wenigen Monaten im Gespräch mit der Zeit als einen "Feind des Islam" beschimpft; jetzt nannte er ihn einen "Freund", mit dem er sich durch die Vermittlung von Bruno Kreisky einigen wolle. Dem österreichischen Altbundeskanzler schenkt Gaddhafi seit seinem Staatsbesuch in Wien vor zwei Jahren großes Vertrauen.

Aber auch Roland Dumas, der französische Europa-Minister und seit jeher Mitterrands Mann für heikle Missionen, wurde von Gaddhafi gebeten, "dem französischen Staatschef eine Verbalnote zu überbringen".: Vorschläge über einen Rückzug der libyschen Besatzungstruppen. Das sei "ein wichtiges Ereignis", vermerkte der erfahrene Dumas, der schon im August 1983 als persönlicher Gesandter Mitterrands die langwierigen Unterhandlungen mit Gaddhafi eingeleitet hatte.

Als damals Frankreich im Tschad intervenierte, um das Regime von Präsident Hissein Habré zu retten, war Muammar al-Gaddhafi siegesgewiß. Die rund dreitausend französischen Soldaten würden bald in der nordtschadischen Wüste versanden, triumphierte er voreilig.