ARD, Dienstag, 5. Juni, 16.10 Uhr: „Frauengeschichten – Komödiantin ohne Netz und doppelten Boden“ von Anna Dünnebier

Die Piaf am Hamburger Theater im Zimmer, Volkstheater in Köln bei Willi Millowitsch, in Bremen gefälliges, freundliches Kabarett, in Heidelberg schließlich eine Traumrolle: die heilige Johanna in Arthur Honeggers Oratorium „Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen“. Marie-Agnes Reinigen ist trotz dieser Rollenvielfalt keine Berühmtheit geworden. Gerade unter freiberuflichen Schauspielern ist die Konkurrenz groß. Aber eine Persönlichkeit ist sie doch.

Marie-Agnes Reintgen ist in der Tat das, was der Titel verkündet: eine Komödiantin ohne Netz und doppelten Boden. Ihr 13jähriges Engagement an einem Stadttheater hat sie, inzwischen 40jährig, aufgegeben. Abgesichert sein für den Rest des Lebens, „eine ruhige Kugel schieben“, das mögen andere für sich in Anspruch nehmen, zum Theater, so findet die Schauspielerin, gehöre Risikobereitschaft, Mut zur Veränderung. Und daß gerade in einem festen Engagement Kreativität und Eigenständigkeit verloren gehen können, ist sicherlich nicht nur für Marie-Agnes Reintgen eine traurige Erfahrung gewesen.

Was es heißt, freiberuflich zu arbeiten, macht Anna Dünnebier in vielen Szenen deutlich. Sie folgt der Schauspielerin auf ihren Wegen von Engagement zu Engagement, sie folgt ihr, wenn sie sich und ihre Kunst Theaterintendanten anpreist, sie folgt ihr auf neue Bühnen, zu neuen Kollegen. Dieser ewige Wechsel macht Angst, und Marie-Anges Reintgen sagt, sie habe immer Angst, aber sie nimmt dieses Gefühl in Kauf, der Reiz des Neuen zählt mehr. Wenn sie heute auf der Bühne extemporieren, morgen mit größter Präzision sprechen muß, ist das für sie Herausforderung und Spaß zugleich.

Marie-Agnes Reintgen gibt freimütig Auskunft: über die Künstlerin auf der Bühne und über die Künstlerin privat. Sie räumt der Filmemacherin einen großen Freiraum ein, den diese nicht immer zu nutzen versteht. Zuweilen erscheinen Aufnahmen allzu beliebig, etwa ein Hund, eine Katze in Großaufnahme, Kamerafahrten über Möbel und Wände. Es ist ihr aber dennoch geglückt, so etwas wie eine Steigerung in ihren Film zu bringen. Sie spannt einen Bogen von den ersten Proben zu Honeggers Oratorium bis zur Premiere. Erst jetzt spürt der Zuschauer, wieviel Anspannung der Beruf des Schauspielers erfordert. Die immer auskunftsbereite Künstlerin wird hier schweigsam, empfindet die Fernsehleute als Eindringlinge, bittet – das mag theatralisch klingen, ist aber für den Augenblick durchaus angemessen – nach der Generalprobe, als die Kamera in der Garderobe immer noch auf sie gerichtet ist, „habt doch Erbarmen“. Auch eine Filmemacherin, die sich einfühlsam ihrer Protagonistin nähert, tut manchmal des Guten ein bißchen zuviel Daß es ihr gelungen ist, Marie-Agnes Reintgen dem Zuschauer bekannt und vertraut zu machen, hat schließlich auch zu tun mit der Schauspielerin selber, ihrer Offenheit, ihrer rheinischen Frohnatur, ihrem Ernst und ihrer Stärke. Alles in allem; ein sympathischer Film über ein sympathische Frau. Anne Frederiksen