Wer die Sängerin Ulla Meinecke nach ihrem Konzert irgendwo im Foyer stehen sieht und gerne mit ihr sprechen möchte, muß damit rechnen, daß sie gar nicht reagiert. Es ist nicht so sehr physische Erschöpfung, die sie so abwesend aussehen läßt. Was ihr den Anschein von Absence gibt, ist wohl eher die plötzliche Leere nach der Verausgabung. So schön es vielleicht ist, sich und seine Geschichten einem Publikum für zwei Stunden zu eröffnen, so mühsam ist es auch, sich danach wieder zu sammeln und die Trennwände zwischen Innen und Außen wieder aufzubauen, an deren Demontage man eben noch gearbeitet hat.

Denn es sind ja fast nur eigene Texte, die Ulla Meinecke singt. Sie erzählen oft von mißlungenen Liebesgeschichten, von Abstürzen aus den Höhen der Verheißung, von Irrtümern, oder auch von der Schüchternheit vor dem ersten Kennenlernen, von unsicheren Annäherungen, vorschnellen Geständnissen „im weichen Licht/Du sagst leise, ich dich nicht“.

Ihre guten Texte sind keine Betrachtung gen über die Liebe im allgemeinen, sondern zu Papier gebrachte eigene Erfahrungen. Daß man sich dabei nicht durch seufzende Plaudereien aus dem Liebeskummerkästchen belästigt fühlt, liegt an der paradoxen Diskretion, die sie bei aller Offenheit wahren. Durch eine Sprache, die Intuition mit Intellekt und die Wärme der Empfindung mit der (oft spöttischen) Kälte der Reflexion vereint, hält die Sängerin aber auch schon selber Abstand vor zuviel Gefühl.

Um zu erfahren, daß es offenbar keine endgültigen Gefühle gibt, muß man schon ein paar Mal auf die Nase gefallen sein. In ihrem Lied von der „Tänzerin“, das zum wohl subtilsten Hit der deutschen Rockmusik geworden ist, ist von solchen Stürzen nichts zu spüren. „Wir fliegen beide durch die nächte/segeln durch den tag“, heißt es da über die „Tänzerin im Sturm“, von der die Ich-Erzählerin so irritiert und angezogen ist. Die schönste Fortbewegung vor dem Fall ist der Flug.

Es ist sicher vor allen anderen dieses Lied, das die inzwischen über 180 000 Leute haben wollen, wenn sie Ulla Meineckes letzte Platte kaufen. Es ist einer jener seltenen Glücksfälle, in denen Text und Musik nur füreinander gemacht scheinen.

Die Musik für die „Tänzerin“ hat Edo Zanki geschrieben, ein Mann, der ebenso wie Ulla Meinecke mit dem amerikanischen Soldatensender AFN aufgewachsen ist und dem Soul und Jazz näher ist als die meisten anderen deutschen Top-Komponisten. Aber er gehört nicht zur Band der Sängerin, die in diesen Tagen auf ihre dritte Konzertreise innerhalb eines halben Jahres geht. Seinen Klavierpart bei der „Tänzerin“ und auch alle anderen Tasteninstrumente spielt Rosa Precht, die sich erst vor einem Jahr dazu entschieden hat, Profimusikerin zu werden. Bis dahin war sie Architektin von Beruf und noch unsicher, ob sie den Sprung ins ungewisse Dasein als Klavier- und Synthesizer-Spielerin wirklich wagen sollte.

Auf der Bühne wirkt die Ulla Meinecke-Band routiniert und motiviert zugleich. Die Musiker spulen ihr Programm nicht einfach herunter, sondern haben offensichtlich Spaß daran, miteinander zu spielen. Endlose Soli bleiben den Zuhörern erspart, und mit anderen Zeichen von Egotrips werden sie auch verschont.