Durch Schläge gegen den Schiffsverkehr ist es dem Irak gelungen, den Konflikt am Golf auszuweiten und den Druck auf den Iran zu erhöhen. Die Vereinigten Staaten werden ihre militärische Unterstützung für die arabischen Ölstaaten verstärken. Eine Entscheidung in dem jetzt 44 Monate alten Krieg wird allerdings kaum zur See, sondern allenfalls zu Lande fallen, wo die Iraner zu einer neuen Offensive aufmarschiert sind.

Seit Mitte Mai sind rund 25 Schiffe im nördlichen Abschnitt des Golfs von Flugzeugen angegriffen worden; eines wurde versenkt. Der Angreifer war meistens die irakische Luftwaffe, die auch vorher schon gegen die Schiffahrt vorgegangen war: Bagdad will die Ölausfuhr des Iran erschweren und zugleich Teheran zu Gegenschlägen provozieren, um auf diese Weise nicht nur die Golfstaaten, sondern auch westliche Länder, allen voran die Amerikaner, stärker auf seine Seite zu ziehen.

Der Iran antwortete mit mehreren Angriffen gegen Öltanker der arabischen Golfstaaten, die alle mit dem Irak paktieren. Teheran warnt: „Entweder ist der Golf für die Schiffahrt aller Staaten sicher oder aber für keinen.“

Der amerikanische Präsident hat die Wahrscheinlichkeit eines direkten amerikanischen Eingreifens im Golf als „sehr gering“ bezeichnet. Reagan hat allerdings erklärt, er werde mit militärischen Mitteln die Schiffahrt im Golf gegen weitere iranische Angriffe schützen, wenn Saudi-Arabien ihn darum ersuche. Zur Zeit haben die Vereinigten Staaten sechs Kriegsschiffe im Golf; der Flugzeugträger Kitty Hawk patrouilliert außerhalb der Straße von Hormuz in der Arabischen See.

Aber zunächst dürfte Amerika sich auf indirekten Beistand beschränken. Amerikanische Piloten fliegen die vier AWACS-Radarflugzeuge, die Saudi-Arabien von den Vereinigten Staaten ausgeliehen hat, um die militärische Entwicklung im Golf besser überwachen zu können. Jetzt hat Washington zudem angeboten, 400 Stinger-Luftabwenr-Raketen an Saudi-Arabien zu liefern und Tankflugzeuge einzusetzen, um die Reichweite der saudischen Luftwaffe – sie verfügt über 170 moderne Kampfflugzeuge – durch Auftanken in der Luft zu verdoppeln. Zunächst also sollen die Staaten an Ort und Stelle in die Lage versetzt werden, mit der neuen Eskalation fertig zu werden. Ob diese Gegenmaßnahmen ausreichen werden, um die Gefahr einer Ausweitung des Krieges zu bannen, bleibt ungewiß. Der irakische Präsident Saddam Hussein hat erneut bekräftigt, sein Land bleibe bei dem Vorhaben, „die Blockade des (iranischen) Öl-Verlade-Hafens Kharg zu vollenden. Wir werden jeden Öltanker in der Kampfzone angreifen.“ Schon jetzt ist die iranische Ölausfuhr empfindlich getroffen; die Londoner Versicherungsfirma Llyod’s hat die Prämie für Tanker, welche die iranischen Verladehäfen im nördlichen Golf anlaufen, in den letzten zwei Wochen auf das Dreifache erhöht. Der Iran könnte sich mit Schlägen gegen die Verlade-Einrichtungen in Kuwait, Saudi-Arabien und anderen Golf-Anrainer-Staaten revanchieren.

Reagans Außenminister Shultz hat sich nach Berichten aus Washington mit sowjetischen Diplomaten darüber verständigt, daß Keine der Großmächte direkt in den Golfkrieg intervenieren wird. Gleichzeitig wurde bekannt, daß der Irak neue Raketen aus der Sowjetunion erhalten soll: SS-21, welche die Irakis zu effektiven Schlägen gegen die Insel Kharg befähigen würden. Be.