Von H. J. Ginsburg

Alltag der Verfolgung: Im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis werden die Häftlinge mit Drahtpeitschen am ganzen Körper geschlagen, hunderte Mal hintereinander. Die Folterer in den Kerkern der Städte Mashhad und Yazd prügeln ihre Opfer mit Plastikschläuchen, bis sie die haltlosen Vorwürfe der Anklage gestehen oder zusammenbrechen. In Täbris und in Teheran wurden in diesem Monat vier unter der Folter schwerstverletzte Männer im Gefängnis erschossen – die Peiniger wollen nicht, daß ihre Mißhandlungen unmittelbar zum Tode führen, das würde unnötiges Aufsehen erregen. Darum die Erschießungen, darum „verschwinden“ viele Häftlinge – das Muster ist ähnlich wie in anderen Staaten, in denen der Terror herrscht.

Ein Unterschied: Zwar sind auch im Iran die meisten Opfer der Folterer politische Gegner des Regimes; die vier Toten von Teheran und Täbris aber gehörten zu einer anderen, aus der Sicht vieler Mullahs schlimmeren Gruppe. Sie gelten als Abweichler vom schiitischen Islam und darum als Gotteslästerer, Staatsschädlinge und Agenten fremder Mächte. Es sind Mitglieder und Führer der Bahai-Gemeinden: 300 000 Iraner, nicht ganz ein Prozent der Gesamtbevölkerung, bekennen sich zu der Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrem Land gestifteten Religion.

Verfolgung haben die Bahai im Iran vom Anfang ihrer Geschichte an erlitten.

Allerdings hinderte das die iranischen Bahai nicht am sozialen Aufstieg, spornte viele vielleicht sogar an, in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung Karriere zu machen. Der religiöse Haß der Mehrheit fand dadurch neue Nahrung. Ajatollah Chomeini hatte gleich nach seiner Machtübernahme im Februar 1979 den Bahai das Recht auf freie Religionsausübung abgesprochen: „Sie sind eine politische Gruppe, sie sind bösartig, sie werden nicht anerkannt werden.“

Fünf Jahre nach dem Sieg der islamischen Revolution sind mindestens 156 Bahai hingerichtet worden, Dutzende werden seit ihrer Verhaftung vermißt – darunter alle neun Mitglieder des leitenden Gremiums der Religionsgemeinschaft –, über 700 sind inhaftiert. Ihr Gemeindevermögen ist beschlagnahmt, ihre Gotteshäuser wurden verwüstet, ihre Friedhöfe geschändet. Seit dem Sommer 1983 ist der Gottesdienst der Bahai verboten. Einzelne Bahai wurden ermordet, ohne daß je etwas über die Mörder bekannt wurde; Bahai wurden aus vielen Berufen gedrängt, aus Dörfern vertrieben, ihres Privatbesitzes beraubt, an Leib und Leben bedroht. Ins Ausland zu entkommen, ist vielen unmöglich: Sie haben kein Geld mehr und erhalten keine Ausreisegenehmigungen.

Die Behörden des Chomeini-Staates und die Prediger in den Moscheen werfen der Minderheit vor allen drei schwere Sünden vor: