Von Gerhard Spörl

Bonn, im Mai

Einem gut informierten Beobachter des Bonner Parteinlebens fiel vor wenigen Tagen zweierlei auf: Zum einen, daß derzeit dort am meisten diskutiert, intrigiert und frondiert wird, wo es keiner vermutete – in der FDP. Zum anderen, daß kaum jemand sich ernsthaft dafür zu interessieren schien. Hans-Dietrich Genscher hat es sich nicht nehmen lassen, selber vorsichtig auf den verdeckten Machtkampf bei den Liberalen anzuspielen. Ganz freiwillig tritt er 1986 nicht den Rückzug an; jedenfalls lagen die Umstände, unter denen der Entschluß zustande kam, nicht wie üblich in seinem Ermessen. Sein Rücktritt ist besser zu verstehen als vorsorgliche Teilkapitulation. Gleichzeitig macht er den Jungen, die ihm folgen sollen, klar, daß sie nur in seinem Schatten eine Chance haben, zur Geltung zu kommen.

In diversen liberalen Zirkeln und Gremien war schon seit geraumer Zeit ausgiebig die Rede von Aufbruch, von Neuanfang, vom Ende der Ära Genscher. Viele halten eine Zäsur für dringend erforderlich; manche sehen der Notwendigkeit beklommen entgegen. Das Besondere am FDP-Generationswechsel ist, daß jedermann die Alten, Bewährten kennt, kaum einer jedoch die Jungen, die sie plötzlich beerben wollen und sollen.

Für die Alten stehen Hans-Dietrich Genscher, seit zehn Jahren Partei-Vorsitzender, und Wolfgang Mischnick, der ergebene Diener seines Herren. Die Jungen haben fast alle Namen, die keiner kennt. Sie sind um die Vierzig, samt und sonders Profiteure des Machtwechsels und mit dem Wohlwollen Genschers von den Hinterbänken nach vorne gerückt. Der Hesse Wolfgang Gerhardt hat sich in der internen Auseinandersetzung um Genschers unglückseliges Amnestiemanöver zum opinion leader gemacht. Rainer Brüderle und Manfred Brunner halten recht und schlecht in der rheinland-pfälzischen und der bayerischen Diaspora die Stellung. Dazu kommt der etwas glücklichere Niedersachse Walter Hirche und der bereits respektable Jürgen Morlok, dem nun zum Manko wird, seit langem in Genschers Gunst zu stehen. Auch Irmgard Adam-Schwaetzer, die scheidende Generalsekretärin, hat an Reputation gewonnen. Ihr Einfluß in der Partei ist in dem Maße gestiegen, wie ihr Verhältnis zu Genscher gestört wurde. Dank dieser Logik konnte sich auch Martin Bangemann, Top-Europa-Abgeordneter, in Erinnerung bringen. Weil er sich einst als Generalsekretär mit Genscher angelegt hatte, soll er plötzlich wieder eine Zukunft haben.

Genscher-Günstlinge und Genscher-Geschädigten hatten sich zu Wortführern all derer gemacht, die um die Existenz der FDP fürchten und die tiefe Krise der Liberalen seit dem Machtwechsel dem Vorsitzenden, seinem Führungsstil und seinem Selbstverständnis anlasten. Die Vorwürfe lassen sich auf diesen Nenner bringen: Genscher bewege sich völlig losgelöst von der Partei auf eigenen Umlaufbahnen; er falle einsame Entscheidungen, die oft nur auf Umwegen die Adressaten erreichen; er verwechsle sich mit der Partei und habe sie für seine Zwecke eingespannt.

Hildegard Hamm-Brücher, die sich zusehends als moralische Instanz aus eigenem Recht empfindet, hat dieser Mischung aus Ressentiments und Unbehagen Ausdruck verliehen. Es sei Genschers Schuld, so sagte sie, daß die FDP keine Ideen und keine guten Leute mehr habe; er ersticke jede produktive Diskussion und fördere keine Talente. Ihr Vorschlag, die bürgerliche Koalition zu verlassen und sich in der Opposition zu regenerieren, stößt allerdings auch bei Liberalen auf wenig Gegenliebe, die Verständnis für solche Ausfälle aufbringen. Damit wäre denn doch die Spaltung besiegelt und der FDP ein Dasein ganz am Rande des Parteiensystems garantiert.