Diesen Mann der Zeitenwende haben die Menschen in Mir erkannt! Deshalb strömen sie Mir zu! Nicht „Spartakus“ wird das „Neue“ bringen! Er wird nur einstürzen! Aufbauen und „Neue Werte“ auf „Neue Tafeln“ zu schreiben, ist Mir vorbehalten. In Tübingen erklärte ich den Professoren, daß Ich und nur Ich der Welt ihr neues Maß, ihre neue Richtung und ihren neuen Stempel aufdrücken werde! – Lachet oder glaubet! So wird es!!!“ Diese Aussage angemaßter Omnipotenz stammt von Louis Haeusser, dem wohl bekanntesten (nicht: bedeutendsten) „Inflationsheiligen“ oder „Propheten der Krise“ aus der Weimarer Republik, und findet sich in einem bemerkenswerten Buch:

Ulrich Linse: „Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre“; Siedler Verlag, Berlin 1983; 272 S., 48,– DM.

Bemerkenswert ist es insofern, als sein Verfasser, hervorgetreten durch Studien über Anarchismus und die Jugendbewegung, eine politisch-religiöse Bewegung der Vergessenheit entreißt. Theodor Plievier, der Autor von „Stalingrad“ und zeitweilig selbst „Inflationsheiliger“, konnte sein entsprechendes Vorhaben nicht mehr in die Wirklichkeit umsetzen. Angesichts der dürren Quellenbasis mußte Linse zeitraubende Recherchen anstellen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Jetzt liegt ein einfühlsames Porträt dieser mehr wunderlichen als wundersamen Bewegung vor.

In Zeitläuften, da „der Heizwert eines Bündels Papiergeld höher ist als der der Kohle, die man dafür kaufen kann“ (so Hagen Schulze in seinem Einleitungsessay über politische Randexistenzen seit dem 15. Jahrhundert), war die Zahl politischreligiöser Sektierer größer als in „normalen“ Perioden. Gleiches gilt für die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung, deren Bedürfnisse und Sehnsuchte ungestillt bleiben mußten. Der „Aufbruch“ der „Inflationsheiligen“ – ihre Erweckungsideen speisten sich aus religiösen und politischen Elementen – ist nicht zu verstehen ohne die Entwicklung zuvor. Überschäumende Kriegsbegeisterung hatte schon vor dem Zusammenbruch von 1918 ihr Ende gefunden, hingegen fand die Sakralisierung des Krieges ihre Fortsetzung in der Sakralisierung der Politik. Man denke nur an Kurt Eisner, den bayerischen Ministerpräsidenten von 1918/19. Schien einst der Krieg die seelische Wiedergeburt zu bringen, so war es jetzt der Aufbruch zu neuen Ufern. Ein gewisses Maß an visionärer Läuterung zeigte sich hier wie dort. Linse zieht eine Kontinuitätslinie von der Lebensreform-Bewegung der Wilhelminischen Ära über die Heroisierung des Krieges und die Glorifizierung sozialistischer Ideale, bis zu den „Inflationsheiligen“, deren Kapuzinerpredigten, wie provokativ sie auch immer waren, zu religiöser Erneuerung, innerer Umkehr und Wahrheitssuche führen sollten.

So sehr diese auch vor dem Hintergrund der ökonomischen Krisensituation reüssierten, so wenig Gewicht legten sie auf die Lösung wirtschaftlicher Probleme. Sie zeichneten sich vielmehr durch schwärmerische Religiosität aus. Ihr Zentrum lag bezeichnenderweise in Württemberg, wo der deutsche Pietismus beheimatet war. Aus dem apokalyptischen Krisenerlebnis von Krieg, Revolution und Inflation, prägte sich eine besondere Mentalität aus. Viele glaubten, man befinde sich an einer Epochenzäsur. Kein Wunder, daß dann millenarische Verheißungen sprießen und auf fruchtbaren Boden fallen. Die soziale Struktur der fruchtbaren heiligen“ weist keine frappanten Eigenheiten auf, wenngleich das kleinbürgerliche Element wohl überwog. Nichtssagend ist Linses „handgestrickter“ Versuch, Korrelationen aus den Sozialstatistiken und den parteipolitischen Präferenzen für den „Haeusser-Bund“ ableiten zu wollen. Dessen Stimmenanteil war dafür viel zu klein, als daß sich irgendwelche aussagekräftigen Daten gewinnen lassen.