Von Hans Krieger

Roman“ steht unter dem Titel eines Buches, das alles Mögliche in einem ist: Lebensbeichte, Abrechnung, Selbstanalyse, Essay. Nur. eines eben nicht: kein Roman. Wer täuscht da wen?

Aber wer sagt denn, daß Romane erfunden sein müssen? Wer sagt, daß sie Stil haben müssen und Form, die geschliffene Sprache des Kunstwerks?

Hier preßt und spritzt einer das Leben aus sich heraus, roh und ungeformt, aus allen Öffnungen, die ihm gegeben sind. Wozu auch ein ganz solides Mundwerk gehört, das sich diesfalls der schreibenden Finger bedient. Dieses Mundwerk verschmäht die Ziselierarbeit der ästhetisch geschönten Rede. Ohne Umschweif kommt es zur Sache, auch der anstößigen. Und hat, wo andere sich verlegen winden, Worte von einer ganz zarten Direktheit, die das Tabu weder zerschmettern noch umgeben, sondern auflösen mit Grazie. Ein schamloses Buch hat geschrieben –

Volker Elis Pilgrim: „Die Elternaustreibung“, Roman; Claassen Verlag, Düsseldorf 1984; 352 S., 34,– DM.

Schamlos im allereinfachsten Wortsinn: ohne Scham. Ohne Respekt vor jener Intimschranke, die vor Verletzung und vor Wahrhaftigkeit schützt. Ein aufrichtigeres Buch wurde selten geschrieben. Auch wenn die bloßstellende Selbstpreisgabe kaum ganz ohne Koketterie abgeht. Schamlosigkeit im unguten Sinne wird hier zur Gefahr für den Leser, mehr noch für den Kritiker. Er muß sich hüten, nicht zum Voyeur zu werden, der sich dann schämt und aus Scham sich entrüstet. Wo einer sich ungeschützt preisgibt, wird der distanziert objektivierende Blick zum Angriff auf die Menschenwürde. Schamlosigkeit ist eine delikate Sache; sie fordert Zartheit fühlender Begegnung. Wer sich auf sie als Leser einläßt, hat allem damit etwas gewonnen – für sich. Irgendwo, sehr versteckt, ist jeder ein Pilgrim.

Erst auf dieser Ebene der Gemeinsamkeit kann Reflexion einsetzen. Pilgrim, Autor mehrerer Bücher, die Befreiung aus den Rollenzwängen des Patriarchats suchen und immer wieder die Versöhnung von Kopf und Bauch wagen, reflektiert über vieles, auch die Schamlosigkeit. An der Wurzel steht die Scham: Schweißausbrüche beim Angeschautwerden. Wie ein Verwachsener, der auf Jahrmärkten hergezeigt wird, machte Pilgrim aus der Schamlosigkeit des Sich-Anstarren-Lassens einen Beruf. Fast bitter vermerkt er, daß der „Sprung nach vorn“ als Therapie wenig half: „Die Scham blieb in mir.“ Ohne solche Verzagtheiten gibt es keinen echten Mut. Das Heraustreten aus dem Kerker der Intimität ist ein gesellschaftlicher, ein gesellschaftsverändernder Akt, dessen Wirkungen nicht in der Spanne eines individuellen Lebens zu messen sind. Etwas wird ins Licht geholt, das im Dunkeln gehalten war. Es kann nun angeschaut werden, trivial vielleicht, wie es scheinen mag, aber immerhin: dieses ist. Blut und Sperma vielleicht, aber jedenfalls: die Substanz, aus der unser Leben gemacht ist.