ZEIT: Wie kommt es eigentlich, daß die Kirche, also eine Gemeinschaft von Christen, immer so zögernd ist, wenn es um den politischen Widerstand gegen ein ungerechtes System geht, wie beispielsweise im Dritten Reich?

Gollwitzer: Es geht dabei natürlich immer auch um Selbsterhaltungsinteressen. Erinnern Sie sich an die Debatte um das Schweigen des Papstes? Pius XII. hat zu der Judenverfolgung geschwiegen. Da haben Sie deutlich den Interessenkonflikt. Das Evangelium hätte ihn gezwungen, öffentlich zu schreien für die Verfolgten und Gematteten und Getöteten, aber das Interesse des eigenen Apparates – den Kirchenapparat intakt zu halten und damit auch der eigenen Anhängerschaft die Verfolgung zu ersparen – hat ihn von der Pflicht, die ihm das Evangelium auferlegt, abgehalten.

Das war für uns in der Nazi-Zeit eine entscheidende Frage: ‚Kann es eine Aufgabe der Kirche sein, sich selbst zu erhalten, oder soll sie in der Nachfolge Jesu Christi – der ja bekanntlich nicht bestrebt war, sich selbst zu erhalten, sondern der sich preisgegeben hat an die Verfolgung seiner Feinde – soll sich die Kirche in dieser Nachfolge hineinopfern in ihre Aufgabe?‘

Meinen Sie, daß die Bekennende Kirche im Dritten Reich genug Widerstand geleistet hat?

Gollwitzer: O nein, o nein. Ich habe Martin Niemöller einmal – vor zehn Jahren vielleicht – aufgefordert, gemeinsam etwas über die Theologische Erklärung von Barmen vorzutragen. Da sagte er: Soll man nicht lieber etwas Neues erfinden? Das war doch ein ziemlich kläglicher Text damals.

Nun finde ich nicht, daß die Banner Thesen ein kläglicher Text sind, ich finde sogar, daß es ein sehr schöner Text ist, aber sehr ergänzungsbedürftig und verbesserungsbedürftig und verdeutlichungsbedürftig. Genau so ist es mit der Bekennenden Kirche. Wir haben alle natürlich nicht genug Widerstand geleistet.

Wenn wir alle – Hunderte, Tausende Christen – den Judenstern uns angeheftet hätten, uns an den Sammelplätzen der Juden, die zur Deportation zusammengetrieben worden sind, aufgestellt hätten und gesagt hätten: die kommen nicht weg, ohne daß ihr uns mit wegbringt und vergast – dann wären natürlich sehr viel weniger vergast worden. Also, hätten die Juden, über das hinaus, was wir getan haben, eine ganz andere Solidarität erfahren, dann hätte das sehr vieles aufgehalten.