West-Berlin

In Berlin Kreuzberg wartet der türkische Schriftsteller Jusuf Ziya Bahadinli auf ein Wunder. Abgeschoben soll er werden, weil er sich über ein Jahr lang illegal in der Stadt aufgehalten hat. Zurückgehen soll er in die Türkei, wo ihn mit Sicherheit eine langjährige Freiheitsstrafe erwartet, denn er gehörte zu den Gründern der 1975 ins Leben gerufenen Arbeiterpartei. Verläßt er Berlin nicht, droht ihm ebenfalls eine Gefängnisstrafe. Letzter Ausweg wäre, einen Asylantrag zu stellen, was der 57jährige Türke jedoch aus persönlichen Gründen nicht möchte. Die Rechtslage ist zu Ungunsten des „Angeklagten“. Es geht um das Folgende:

Jusuf Ziya Bahadinli absolvierte in Ankara ein dreijähriges Studium, das er als Diplompädagoge abschloß. 1979 kam der Lehrer auf Einladung des bayrischen Kultusministeriums in die Bundesrepublik. Ein Jahr lang sollte er in Nürnberg türkischen Kindern aller Altersstufen Unterricht in der türkischen Sprache erteilen und ihnen heimisches Kulturgut vermitteln. Seine ursprünglich auf ein Jahr befristete Aufenthaltserlaubnis wurde verlängert, als er seine Lehrtätigkeit nach Berlin verlagerte, allerdings mit der Auflage, daß, sollte er diesen Beruf nicht mehr ausüben, er in die Türkei zurückkehren müsse.

Die Berliner Polizei genehmigte Bahadinli den Aufenthalt bis zum 16. Mai 1984. Am 1. Januar 1983 aber wurde er arbeitslos. Er fiel den Neuordnungen des 1981 gewählten CDU-Senats zum Opfer. Man brauchte ihn nicht mehr. Und von diesem Zeitpunkt an nahm die Tragödie ihren Lauf. Denn der ohne eigenes Verschulden stellungslos gewordene Erzieher, anscheinend unwissend und die deutsche Sprache nur mühsam sprechend, meldete sich beim Arbeitsamt und erhielt auch prompt sein Arbeitslosengeld ausgehändigt. Ein Fehler des Arbeitsamtes, denn es hätte die Papiere besser prüfen müssen. Für die Polizei gilt diese Zeit als illegaler Aufenthalt.

Für Bahadinli aber, der sich keiner Schuld bewußt war, war die Welt in Ordnung, vorläufig, denn an die Rückkehr in die Heimat dachte er mit Sorge. 1981 nämlich hatte dort der Militärputsch stattgefunden, sein Name steht auf der schwarzen Liste, nicht nur wegen der Arbeiterpartei, sondern weil er auch Herausgeber von drei Zeitschriften war, in denen er seine politischen Ansichten vertrat. So wurde praktisch über Nacht aus dem Schriftsteller, Lehrer und Verleger ein politisch Verfolgter.

Der auf Anhieb sympathisch wirkende Intellektuelle wohnt in der Stresemannstraße in Berlin-Kreuzberg mit seiner Frau und seinem 12jährigen Sohn. Von den zwei Töchtern studiert die 19jährige Malerei in Istanbul, die 25jährige ist in Berlin mit einem türkischen Architekten verheiratet. Gern würde er so weiterleben wie bisher, wenn man ihn nur ließe. Über seinem ergrauten Charakterkopf aber schwebt das Damoklesschwert der Ausweisung.

Bahadinli ist kein Sozialfall. Er kann den Unterhalt für sich und seine Familie aus eigener Tasche bestreiten durch Vortragsreisen und Einnahmen aus der Veröffentlichung seiner Bücher. Er fällt keinem zur Last. Zudem ist er fest verankert im Kreuzberger türkisch-deutschen Kulturzentrum, das ihm angeboten hat, Workshops für schreibende Jugendliche zu leiten.