Von Gunhild Freese

Der private Konsum wird in diesem Jahr weiter steigen“, schrieben im April die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in ihrem Gutachten. „Die Bereitschaft der Verbraucher ist gewachsen, lange zurückgestellte Anschaffungspläne zu verwirklichen“, meinte die Bundesregierung schon im Februar in ihrem Jahreswirtschaftsbericht. Und der heimische Handel meldete Mitte April: „Die Einzelhandelskonjunktur befindet sich auf dem Pfad der ruhigen Erholung.“

Da mochte auch der notorisch optimistische Bundeskanzler seinen Parteifreunden und den Bürgern draußen im Lande die gute Nachricht nicht länger vorenthalten: „Die Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft“, so CDU-Chef Helmut Kohl auf dem Stuttgarter Parteitag Anfang Mai, „hat eine unübersehbare Trendwende herbeigeführt. Der Aufschwung ist da.“

Heimkehr in die heile Konsumwelt – nur ein Jahr nach der Wende? Doch Kanzler und Konjunkturpropheten irren, sie haben ein kurzes Zwischenhoch in Konsumgüterindustrie und Einzelhandel zur Jahreswende schlicht mit Aufschwung und Wachstum verwechselt. Und die Handelsherren hofften, die Kundschaft mit guten Worten zum verstärkten Kauf bewegen zu können. Inzwischen hat die Realität die optimistischen Parolen längst widerlegt.

Die Stimmung der Konsumenten, so ermittelte die Nürnberger Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK), hat sich seit März merklich abgekühlt. Im April sackte der Konsumklimaindex, der die Stimmungslage der Verbraucher sowie deren Einschätzung der künftigen Konjunkturentwicklung widerspiegelt, weiter ab. „Auch im Mai“, so Rüdiger Szallies, Direktor für Marketingforschung bei der GfK, „ist keine Verbesserung der Stimmung zu erwarten.“

Für Konsum- und Marktforscher kommt der Stimmungsumschwung der Verbraucher allerdings keineswegs überraschend. Schon seit Beginn der achtziger Jahre registrieren sie einen nachhaltigen Wertewandel in der Bevölkerung. Und die vermeintlich stets schlechter gewordene Stimmung ist keineswegs Ausdruck von tiefgreifendem Pessimismus, „die Bundesbürger“, resümiert vielmehr Carmen Lakaschus, Expertin in Sachen Marketing-, Kommunikations- und Verbraucherforschung, „sind Realisten geworden.“

Ganz freiwillig hatten die Verbraucher aber nicht Abschied von ihrer heilen Konsumwelt genommen. Ihnen blieb gar nichts anderes übrig. Seit 1981 nämlich, seit die weltweite Rezession auch die heimische Wirtschaft mit hinabzog, sind die Preise stärker gestiegen als die Löhne und Gehälter. Real wurden damit die Budgets der Privathaushalte kleiner, und obendrein mußte auch noch innerhalb der Ausgaben umgeschichtet werden: Mieten, Benzin und Energie, Posten, an denen nur wenig gespart werden kann, verteuerten sich meist überdurchschnittlich. Letztes Jahr mußte ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt mit mittlerem Einkommen allein 17,3 Prozent seiner Verbrauchsausgaben für die Wohnungsmiete aufwenden. 1960 waren das erst 10,5 Prozent, 1981 immerhin auch noch 16,4 Prozent. Energieausgaben erhöhten ihren Anteil von 4,7 Prozent 1960 auf 6,7 Prozent letztes Jahr. Während die Familien ihre Ausgaben für Bildung und Unterhaltung, Körper- und Gesundheitspflege sowie langlebige Konsumgüter im Rahmen des Gesamtbudgets weitgehend auf unverändertem Niveau hielten, wurde bei, Lebensmitteln, Schuhen und Bekleidung kräftig gespart. Gefüllte Kleiderschränke sowie die gute Ausstattung der meisten Haushalte mit langlebigen Gebrauchsgütern, vom Telephon über den Fernseher, dem Stereogerät bis zur Kühltruhe, erleichterten indes den Verzicht.