"Kallocain", Roman von Karin Boye. "Roman aus dem 21. Jahrhundert" lautet der Untertitel dieses Buches der schwedischen Schriftstellerin Karin Boye, die am 26. Oktober 1900 in Göteborg geboren wurde und sich am 24. April 1941 bei Alingsås das Leben nahm. Leo Kall, der Erzähler, ist Chemiker; er hat das Kallocain entwickelt, "ein Mittel, das jeden Menschen dazu bringen wird, seine Geheimnisse preiszugeben". Dem Polizeiapparat des totalitären "Weltstaates" ermöglicht das Wahrheitsserum, Regimegegner auszusondern und ein "Gesetz gegen staatsfeindliche Gedanken" zu erlassen. Vorher schon waren die Staatsbürger in ihren Wohn-, sogar in ihren Schlafzimmern durch "Polizeiohr" und "Polizeiauge" ständig überwacht worden; jetzt soll ihnen der letzte Rest individuellen Denkens und Fühlens ausgetrieben werden. Kall argwöhnt, daß sein Vorgesetzter Edo Rissen eine Liebesbeziehung zu seiner Frau Linda unterhält. Um sich Gewißheit zu verschaffen, injiziert er ihr gewaltsam das neue Mittel. Doch obwohl sein Argwohn nicht bestätigt wird, bleibt Rissen ihm unheimlich – Kall zeigt ihn schließlich an und bedeutet dem ihm gewogenen Polizeichef, er möge Rissen zum Tode verurteilen lassen. Als er am Abend der Gerichtsverhandlungen ins Freie tritt, wird er von feindlichen Fallschirmjägern festgenommen und verschleppt; fortan arbeitet er als Gefangener des benachbarten "Universalstaates", in dessen Geheimarchiv auch die Aufzeichnung über sein vergangenes Leben aufbewahrt werden. Karin Boye hatte der sozialistischen Gruppe "Clarté" nahegestanden, war in die Sowjetunion gereist und enttäuscht zurückgekehrt, und 1932 hatte sie im vornationalsozialistischen Berlin gelebt. Deshalb betrifft uns ihr Roman, 1940 veröffentlicht und erstmals 1947 in Zürich auf deutsch erschienen, womöglich noch mehr als George Orwells "1984"; literarische Anregungen kann sie aus den Büchern von Herbert George Wells und aus Jevgenij Samjatins Roman "Wir" geschöpft haben, der Mitte der zwanziger Jahre ins Englische und ins Französische übersetzt worden war. Im dritten Band seiner "Ästhetik des Widerstands" (1981) hat Peter Weiss Karin Boyes bewegtes und bewegendes Schicksal beschworen. "Sie hatte sich", schreibt er, "in ihrem Buch ‚Kallocain‘ hineinversetzt in das letzte nur denkbare Wuchern einer schon zutiefst verunstalteten Realität, und all das, was wir, im Selbsterhaltungstrieb, nicht zu durchschauen wagten, zu etwas unmittelbar Bevorstehendem gemacht....Was sie schilderte, war nicht Utopie ..., sondern Untersuchung des Gegenwärtigen, die Zeitverschiebungen, die scheinbar eine Entfernung zu unserer Wirklichkeit verursachten, wiesen auf Bestehendes hin." (Aus dem Schwedischen von Helga Clemens; Neuer Malik-Verlag, Kiel, 1984; 1921, 29,80 DM.) Hanns Grössel