Hamburg: „Ein Hamburger sammelt in London – Die Freiherr von Schröder-Stiftung 1910“

Die Bilder, die jetzt ordentlich klassifiziert als Historienbilder, Genre im Kostüm, dramatische oder exotische Motive über eine Flucht in den Räumen der Hamburger Kunsthalle verteilt sind, hingen 1910 noch nach Lust und Laune arrangiert, in dichten Reihen übereinander in der Galerie des Freiherrn von Schröder in der Nähe von London. Johann Heinrich Wilhelm Schröder, 1825 in Hamburg geboren, ging als junger Mann nach London, um das dort vom Vater gegründete Bankhaus zu übernehmen. Bald selbst ein arrivierter Bankier, wurde er zum Wohltäter und Schöngeist, ermöglichte den Bau der deutschen Christuskirche, sammelte Gold- und Schmiedekunst, züchtete Orchideen und legte eine Gemäldesammlung an. Diese Sammlung vermachte Schröder in seinem Testament der Hamburger Kunsthalle. Alfred Lichtwark, der damalige Direktor, besichtigte die Gabe und schrieb an die Verwaltungskommission seines Hauses: „Das Ganze ist eine wirkliche Bereicherung unseres Museums, wenn auch der Geschmack sich von einigen der Hauptmeister gegenwärtig abgewandt hat, oder ihnen doch kühler gegenübersteht“. Mancher Besucher heute wird denn auch die Nase rümpfen über die hehren Zeugnisse verschollenen Ruhms. Aber diese Mißachtung wäre nur das nicht weniger modische Ergebnis eines von den Museen gefilterten Blicks auf Kunstgeschichte. Tatsächlich entwirft diese Sammlung das Porträt ihres Urhebers als das eines zwar eng am Zeitgeschmack orientierten, aber sehr qualitätsbewußten bürgerlichen Kunstliebhabers. Die von Schröder ausgewählten Gemälde geben mit ihren Sujets deutlich die Geisteshaltung, die Träume und Erwartungen wider, die im 19. Jahrhundert Menschen prägten. Der große Anteil an historischen Genrebildern, etwa die von Schröder hochgeschätzten und hochbezahlten Darstellungen des römischen Altertums von Lawrence Alma-Tadema zeugen von dem Bemühen, mit dem sich das arrivierte Bürgertum Geschichte aneignete. Der in England zum Sir ernannte Freiherr von Schröder war ja durchaus ein herausragender Vertreter der neuen herrschenden Klasse. Aber auch der Stolz auf eigene, tradierte demokratische Strukturen läßt sich in dieser Sammlung etwa an dem Bild von Ludwig Knaus „Der Gemeinderat der Hauensteiner Bauern“ ablesen. Ganz im Gegensatz zu dem Versuch, sich eine geschichtlich verankerte Tradition aufzubauen, steht die Sehnsucht nach Handeln nicht aus historischer, sondern selbst gesetzter Verantwortung heraus. Bilder wie „Die Freischärler auf der Krim“ von Adolf Schreyer oder der „Fang wilder Pferde“ von Teutwart Schmitson sind Zeugen dieser heimlichen Sehnsucht. Diese von London aus zusammengetragene Sammlung bietet nicht nur einen ausgezeichneten Querschnitt der aktuellen Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sie verrät auch viel über die Motive eines Großbürgers als Sammler. (Hamburger Kunsthalle bis zum 29. Juli. Katalog DM 12). Elke von Radziewsky

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Christian Boltanski“ (Staatliche Kunsthalle bis 1.7., Katalog 30 Mark)

Berlin: „Max Beckmann Retrospektive“ (Nationalgalerie bis 29. 6., Katalog 45 Mark)

Bremen: Max Beckmann-Retrospektive“ (kunsthalle bis 1. 7., Katalog 38 Mark)

Essen: „Peru durch die Jahrtausende“ (Villa Hügel bis 30. 6., Katalog 32 Mark)