Was für ein Mensch war Hannibal, der die hartgesottenen Römer das Entsetzen lehrte? „Hannibal vor den Toren!“ Dieser Ausruf holte ihn noch nach Jahrhunderten als Schreckgespenst, als afrikanisches Ungeheuer ins Gedächtnis zurück. Der Grauenerreger aus Karthago hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Dafür sei ihm gedankt: Ein Rätselvoller mehr entzückt die Nachwelt. Seit Polybios (201–120 v. Chr.) wurde immer wieder versucht, Hannibals Persönlichkeit zu entschlüsseln. Einige hundert Jahre später gab der römische Satirendichter Juvenal seiner Entrüstung mit den Worten Ausdruck: Wer Hannibal bewundere, müsse ein Monomane sein, von ehrgeizigem, unersättlichem Wahn besessen. Der englische Historiker

Ernle Bradford: „Hannibal“; Universitas Verlag, München 1983; 278 S., 34,– DM

fühlte sich durch die unterschiedlichen Beurteilungen herausgefordert, seinerseits hinter der legendären Gestalt, den Menschen Hannibal aufzuspüren. Gestützt auf klassische Quellen und auf die Ergebnisse späterer Forschung, schildert Bradford vor irisierendem, historischem Panorama den Mann afrikanisch-semitischen Ursprungs, der den Aufstieg Roms zur beherrschenden Macht im Mittelmeerraum und damit zur Weltmacht verhindern wollte.

Hannibal entstammte der aristokratischen Familie der Barcas. Sie war in der Oligarchie Karthagos stets führend gewesen und stets beneidet worden. Die Barcas führten ihren Ursprung auf die semitischen Könige von Tyrus zurück; sie hielten die stolze Königin Dido (oder Elissa genannt) für ihre direkte Ahnin. Dido, so die Sage, habe dem numidischen König Iarbas mit der „Stierhaut“-List ein beträchtliches Stück nordafrikanischen Landes abgerungen, auf dem sie Karthago (das heißt „Stadt“) gründete. Als Iarbas jedoch Dido zu heiraten begehrte, willigte sie scheinbar ein – und gab sich auf dem Scheiterhaufen selbst den Tod. Unbeugsamer Stolz und die Fähigkeit, listig zu handeln, sollen berühmte Barca-Eigenschaften gewesen sein.

Bei Hannibals Geburt wurde sein Vater Hamilkar zum Feldherrn der karthagischen Streitkräfte im Ersten Punischen Krieg ernannt. Der römische Sieg, ein demütigender Friedensvertrag, die erzwungene Abtretung Sardiniens an Rom, machten Hamilkar zum unversöhnlichen Feind der Römer. Als er ein Heer, nach Spanien zu, führen hat, tun dort Ersatz für verlorenes Machtgebiet zu schaffen, nimmt er den nun neun Jahre alten Hannibal mit. Beim Abschied von der Heimatstadt läßt er den Jungen schwören, niemals Freundschaft mit Römern einzugehen. Roms Freund zu sein, bedeutete Roms Vasall zu werden. Jeder. Politiker, jeder Staatsmann wußte es.

Der junge Hannibal wird zum Soldaten, zum Offizier, zum Heerführer erzogen. Griechische Lehrer unterrichtenihn. Griechischen Sekretären wird er den Vorzug geben. Fortwährend inmitten von Heerlagern, die sich nach Norden vorschieben, lernt Hannibal fremde Volksstämme kennen. Er lernt, sie zu unterwerfen oder Bündnisse mit ihnen zu schließen. Er reift zum hervorragenden Menschenkenner, zusätzlich ausgestattet mit der Befähigung, Angehörige anderer Kulturen von seinem Wollen überzeugen zu können. Das sind Voraussetzungen für Siege, denn in den Söldnerheeren Karthagos kämpfen überwiegend Fremde. Er muß sich ihrer sicher sein. Über Hannibals Verhältnis zu Frauen, über Heirat und Ehe fehlen belegte Berichte. Vermutet wird eine Ehe mit dem Mädchen Imilce aus spanischer Führungsschicht, geschlossen aus politischem Kalkül.

Hannibal ist 26 Jahre alt, als er selbst oberster Feldherr wird. Sofort bereitet er das gewagteste militärische Unternehmen vor, das je vom Mittelmeerraum aus – zur Zeit der Antike – durchgeführt wurde: Ein afrikanisches Heer überquert die Alpen. Fällt, und zwar von Norden her, in römische Gebiete ein. Im Jahre 218 v. Chr. verwirk- licht Hannibal diesen Plan. Das Heer besteht aus 10 000 Reitern, 90 000 Soldaten zu Fuß; 37 Elefanten werden mitgeführt. Sie wurden weltberühmt. Nach Kämpfen im südlichen Gallien wird bei miserablem Herbstwetter das Unternehmen „Alpenüberquerung“ gestartet und endlich das Po-Ufer erreicht. Bei Trebia besiegt Hannibal die sich eilends zusammenfindenden römischen Truppen. In den nächsten zwei Jahren kommt es zu den in die Kriegsgeschichte eingegangenen Siegen Hannibals am Trasimenischen See und bei Cannae. Der Untergang Roms schien besiegelt.