Von Barbara Ungeheuer

Der Baron zupfte an den diamantbestückten goldenen Manschettenknöpfen seiner Ausgehmontur – "immer Smoking" füllte das Glas mit Moet & Chandon nach und erläuterte den Lesern der New York Times, warum, in seinem Fall, Geld allein nicht glücklich macht. Denn zum wahren Glück des Barons Enrico di Portanova würde schon viel mehr Geld gehören als die 1,2 Millionen Dollar, die ihm alle dreißig Tage auf sein Konto fließen. Genauer gesagt, er fühlt sich um zwei Milliarden Dollar geprellt.

Auch wenn er mit der "barfüßigen Baronesse", seinem Düsentaxi, aus Acapulco eigentlich nur zum Abendessen mit den Freunden Henry und Nancy Kissinger, Brooke Astor und Henry Ford II. nach Manhattan geflogen war, so liegt dem Baron das öffentliche Mitgefühl für seinen Fall doch sehr am Herzen.

Zur Debatte steht der bisher größte Erbschaftsstreit, der jemals durch die amerikanische Justiz gelaufen ist. Da verblassen die Intrigen, die Geschäftsmanöver und die Manipulationen der Macht der Fernsehmannen aus "Dallas" und "Denver" zu kleinbürgerlichem Gerangel, sind die Geldsummen, um die es dort geht, ein Pappenstiel.

Das echte "Dallas" findet in Houston statt. Dort lebt der Cullen-Clan, die Töchter und Enkel von Hugh Roy Cullen, dem erfolgreichsten aller Ölspekulanten von Texas. Und obwohl dieser bis zu seinem Tode 1957 ganze 93 Prozent seines Vermögens der Wohlfahrt seiner Heimatstadt hatte zukommen lassen (Houston verdankt ihm sein berühmtes Medical Center und die Erweiterung seiner Universität), so blieben durch die hochschnellenden Ölpreise der siebziger Jahre immer noch Milliarden, um die sich seine Erben streiten konnten. Sie tun es seit Jahren und mit einer Wollust, die bislang mehr als dreißig Anwaltskanzleien beglückt hat.

Für die Cullen-Familie in Houston, die ganz nach dem Vorbild des verstorbenen Patriarchen lebt und gleich ihm den Reichtum möglichst nur an philantropischen Werken zu erkennen geben will, ist der italienische Baron eine ganz fürchterliche Plage. Denn wenn auch, wie in Houston gemunkelt wird, sein aristokratischer Stammbaum in einem neapolitanischen Vorstadttheater wurzelt, wo Vater Paolo noch auf der Bühne stand, so ist Enrico di Portanova ganz unbestreitbar auch ein Cullen. Er bezichtigt seine texanische Verwandtschaft der Erbschleicherei. "Sie behandeln mich wie einen Ausländer, so, als wäre ich irgendein dahergelaufener Adoptiwetter", klagt der Baron, der ein Enkel von Hugh Roy Cullen ist.

Lillie, die älteste der vier Töchter von Hugh Roy, hatte 1932 den feschen italienischen Baron Paolo di Portanova geheiratet und ihm zwei Söhne geboren. Enrico und Ugo lebten nach der baldigen Scheidung beim Vater in Hollywood und später – zur großen Erleichterung der texanischen Verwandtschaft – in Rom. Zu Lebzeiten des Großvaters blieb denn auch der Dollarfluß über den Atlantik noch recht spärlich. Auf die Bitte Enricos um einen Monatswechsel über 3000 Dollar folgte lediglich Opas Ratschlag in einem Brief an den Vater: "Du solltest für Enrico ein legitimes Geschäft finden, in dem er tätig werden kann ... er sollte sich nicht damit begnügen, in der feinen Gesellschaft mitzuspielen, egal wieviele aristokratische Freunde er auch haben mag."