Von Matthias Naß

Gerade ein Drittel der Stimmen war ausgezählt, da erklärte Präsident Ferdinand Marcos seine regierende "Bewegung für eine neue Gesellschaft" (Kilusang Bagong Lipunan – KBL) bereits zum Sieger der philippinischen Parlamentswahlen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Opposition nach inoffiziellen Berechnungen noch klar in Führung. Während sich die Stimmenauszählung endlos hinzog, machte die KBL jedoch immer mehr Boden gut und zog schließlich an der Opposition vorbei. Der Sieg der KBL, wiewohl nicht überraschend, hinterläßt einen schalen Nachgeschmack. "Goons, guns and gold" – Schläger, Waffen und Bestechungsgelder, so die übereinstimmende Meinung nicht nur der Opposition, sondern auch vieler neutraler Wahlbeobachter, verhalfen ihr letztlich zur komfortablen Zweidrittel-Mehrheit im Parlament.

Die mühsam abgewendete Wahlniederlage hat das Regime schockiert. Zwar hatte es Stimmengewinne der Opposition vorausgesehen, doch auf das Ausmaß des Unwillens, das sich in dem Wählervotum spiegelt, war es nicht vorbereitet. Unverblümt hatte Marcos vor der Wahl zu verstehen gegeben, daß er derlei demokratische Übungen im Grunde für überflüssig hält: "Selbst wenn sie 30 Sitze erobern, können die Oppositionellen nichts tun, was nicht von mir abgesegnet ist. Warum ihnen dann überhaupt erst eine Stimme geben?"

Drei Tage später verpaßten die Filipinos dem Diktator die Quittung für seine Selbstherrlichkeit. In Scharen liefen sie dem durch Vetternwirtschaft, Inkompetenz und Behördenwillkür diskreditierten Regime davon. Allein in Manila siegte die Opposition in 15 von 21 Wahlbezirken – eine schallende Ohrfeige für die Präsidentengattin und Gouverneurin von Metro-Manila, Imelda Marcos, die einen "Erdrutsch" zugunsten der KBL vorhergesagt hatte. Die Opposition, so hatte die "First Lady" noch Tage vor der Wahl siegessicher getönt, werde kein einziges Mandat in Manila erringen.

Der abgebrühte Präsident war um eine Erklärung nicht verlegen: "Ich vermute, daß unsere Anweisung, der Opposition den Gewinn einiger Sitze zu erlauben, von unseren Leuten allzu wörtlich genommen wurde", mokierte er sich im amerikanischen Fernsehen. Marcos’ offenherziger Zynismus düpierte nicht nur die eigenen Bürger, sondern auch den Verbündeten. Regierung und Kongreß in Washington sahen in fairen und sauberen Parlamentswahlen einen entscheidenden Test für die Stabilität und die Glaubwürdigkeit des Regimes. Jetzt haben Ergebnis und Umstände der Wahl die Zweifel verstärkt, ob Amerikas wirtschaftliche und strategische Interessen bei Marcos noch gut aufgehoben sind: Amerikanische Firmen kontrollieren immerhin 50 Prozent sämtlicher Auslandsinvestitionen auf den Philippinen; zwei gigantische Militärstützpunkte, der Marinehafen Subic Bay und die Luftwaffenbasis Clark sind das Rückgrat der amerikanischen Militärpräsenz im Pazifischen und Indischen Ozean.

Die Reagan-Administration war schon seit einiger Zeit auf Distanz zum Diktator gegangen. Nach dem Mord an dem populären Oppositionsführer Benigno "Ninoy" Aquino, der am 21. August 1983 bei seiner Rückkehr aus dreijährigem amerikanischen Exil auf dem Flughafen von Manila erschossen worden war, sagte Präsident Ronald Reagan einen geplanten Besuch der Philippinen unter dem Vorwand anderer "dringender Verpflichtungen" kurzfristig ab. Sein Vize George Bush, der noch 1981 Marcos’ "Festhalten am Prinzip der Demokratie" gelobt hatte, empfing Salvador Laurel, den Führer des Oppositionsbündnisses Unido (United Nationalist Democratic Organization) in Washington.

Neigt sich nun die Herrschaft von Ferdinand Marcos ihrem Ende zu? Seit fast neunzehn Jahren steht er an der Spitze der südostasiatischen Inselrepublik. Als Kandidat der Nationalistischen Partei wurde der brillante Jurist und höchstdekorierte Soldat im Widerstandskrieg gegen die Japaner 1965 zum Präsidenten gewählt. 1969 gelang ihm die Wiederwahl. Eine dritte Amtszeit hätte ihm die Verfassung nicht gestattet.