Beim Streit um einen Fluß wurde die Verbandsklage von Umweltschützern vom Gericht zugelassen

Die Schweizer werden beim Umweltschutz immer progressiver. Was für die Bonner Regierung bislang tabu ist, hat die oberste Gerichtsinstanz der Eidgenossen, das Bundesgericht in Lausanne, jetzt offiziell zugelassen: die Verbandsklage von Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Endlich können damit erfahrene Fachleute im Interesse der Umwelt gegen große Bauprojekte klagen. In Deutschland ist das bis jetzt nur in Hessen und Bremen möglich.

„Offen gestanden, wir waren ebenso verblüfft über dieses Urteil wie die unterlegene Partei“, gesteht Paul Flühmann, einer der klagenden Umweltschützer vor dem Schweizer Bundesgericht. Der Fall, den er vors Gericht brachte: Das Elektrizitätswerk Wynau wollte die Aare, den größten Fluß der Schweiz, auf einer gut vier Kilometer langen Strecke ausbaggern und das Flußbett um drei Meter absenken, um so mehr Gefälle und damit mehr Leistung für ihr Kraftwerk zu erhalten.

Da schon elf Kraftwerke die Aare zwischen Bielersee und der Mündung in den Rhein kanalisiert und gestaut haben, ist nur noch über etwas mehr als zehn Kilometer ein natürlicher Flußlauf mit kräftigem und unverbautem Ufer geblieben. Dazu, gehörte ein Teilstück bei Wynau. Die „Aqua Viva“, eine Aktionsgemeinschaft zum Schutze von Flüssen und Seen, der „Schweizerische Bund für Naturschutz (SBN)“ sowie die Fischpacht-Vereinigung Oberaargau klagten deshalb gegen die Pläne des Elektrizitätswerks Wynau, den Fluß dort auszubaggern.

In einem biologischen Gutachten – vom Elektrizitätswerk Wynau selbst in Auftrag gegeben – wurde darauf hingewiesen, daß das Vorhaben neben der gravierenden Landschaftszerstörung auch den Fischbestand der Aare gefährde. Durch die Absenkung des Flußspiegels würden nämlich die natürlichen Laichplätze in Ufernähe aufs Trockene gesetzt. Vor allem die äußerst seltene und schmackhafte Äsche wäre vom Aussterben in diesem Flußabschnitt bedroht..

Trotz dieser Warnung erteilte der Kanton Bern zunächst die Bewilligung zum Ausbau des Elektrizitätswerkes. Es nützte wenig, daß die Naturschutzorganisationen Vorschläge machten, wie das Elektrizitätswerk ohne die umweltzerstörerische Ausbaggerung modernisiert werden könne. Denn was die Umweltschützer planten, hätte für das Kraftwerk weniger Leistung und eine Erhöhung der Stromkosten von sechs auf sieben Rappen (etwa 8,4 Pfennig) pro Kilowatt bedeutet. Zwar kostet der Strom bei der Konkurrenz, einem demnächst einsatzbereiten Kernkraftwerk in Leibstadt an der deutsch-schweizerischen Grenze, sogar zwölf Rappen (14,4 Pfennig) doch dieses Argument zählt bei den Kraftwerksmanagern nicht. Die Umweltschützer wurden nicht gehört.

Darauf wandten sich Fischer und Naturschützer mit einer gemeinsam eingereichten Verwaltungsbeschwerde an das Bundesgericht. Die fünf höchsten Schweizer Richter nahmen den umstrittenen Flußabschnitt persönlich in Augenschein und ließen sich über die möglichen Schäden der Ausbaggerung informieren. Dann stand ihr Urteil fest: „Die Beschwerde wird gutgeheißen.“