Von Jürgen Brauerhoch

Denver, die Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado, hat neben dem fernsehbekannten Clan auch einen kaum bekannten Bahnhof. Man muß ihn am Rande der supermodernen Wolkenkratzer-City suchen, der Weg dorthin ist nicht sonderlich beschildert. „Union Station“ und „Travel by train“ steht in voller Breite über dem neobarocken Gebäude aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – einer Zeit, da der Eisenbahnbau zu den Silberminen im Gebirge die kleine Stadt am Fuße der Rocky Mountains beherrschte. Damals verdiente sich ein gewisser William F. Cody eine goldene Nase damit, daß er die Bahnarbeiter mit Fleisch belieferte. Das Fleisch wiederum lieferten die bald gänzlich ausgerotteten Bisons, auch „Indian Buffalos“ genannt, weshalb besagter Mann als „Buffalo Bill“ in die Geschichte einging. Man hat ihm und seiner Gattin oberhalb Denvers in stolzem Patriotismus eine Gruft gebaut, umrahmt von einem „Buffalo Bill Museum“, Souvenirläden und einem Western Saloon mit Restaurant und Café.

Doch zurück zum Bahnhof. Seit zwei Stunden sitzen wir auf harten Eichenbänken und starren erwartungsvoll auf die Abfahrt-Anzeige, eine schwarze Schiefertafel mit einer einzigen Eintragung: „San Francisco Zephyr Granby – Glenwood Springs – Salt Lake City – Reno – Oakland AR 730 A, DP 810 A“, um 8.10 Uhr also hätte es losgehen sollen. Kurz nach zehn Uhr kommt Bewegung in die rund hundert geduldig wartenden Fahrgäste, darunter viele Pensionäre, aber auch junge Leute, und der Schaffner gibt den Weg frei zum „Track one“, wo unser Zug eingefahren ist. Ein schöner Zug: silberne Wagen mit rot-blauen Streifen, dem Markenzeichen der Amtrak – des National Railway Passenger Systems. Diese Gesellschaft wurde mit Hilfe Washingtons gegründet, um wenigstens bescheidene Reste des einstmals stattlichen Schienensystems der Nachwelt zu erhalten. Es sind nur noch ein paar Dutzend Verbindungen, die Amtrak anzubieten hat, und der Gesamtfahrplan nimmt sich bescheiden aus neben dem „time-table“ einer der vielen Fluglinien.

Punkt elf Uhr setzt sich der Zug, der bereits die 1.677 Kilometer von Chicago (wo er am Tag zuvor mittags startet) nach Denver hinter sich hat, langsam in Bewegung. Er fährt den Rockies entgegen, die auch Mitte Mai noch tief im Schnee stecken. 225 Dollar kostet die „Ehepaarkarte“ für die rund 2300 Kilometer lange Strecke bis San Francisco, kaum weniger als zwei günstige Flugtickets. Doch bezogen auf Bundesbahnpreise ist das ungeheuer preiswert.

Morgen nachmittag sollen wir am Pazifik sein, aber wir können es kaum glauben, so mühsam quälen sich die zwei Dieselloks über unzählige Serpentinen von rund 1000 Meter auf gut 3000 Meter zum höchsten Punkt der Strecke am Moffat Tunnel hinauf. Vor dem Aussichtsfenster – alle der sehr bequemen und verstellbaren Sitzplätze befinden sich im „Obergeschoß“ – zieht eine faszinierende Felsenlandschaft in allen Farbschattierungen vorüber, dazwischen schwindelnde Viadukte über schäumenden Wasserfällen. Nach dem Scheitelpunkt beschleunigt sich die Fahrt, und man kann es gar nicht fassen, daß der uns jetzt über Stunden begleitende, gurgelnde Gebirgsbach der berühmte Colorado River sein soll, der einige hundert Kilometer südlich den Grand Canyon ins Felsengestein eingegraben hat.

Die höchsten Gipfel um uns herum sind Viertausender, aber sie wirken gemäßigt, abgeschliffen, begleiten uns über Glenwood Springs, einen etwas auf fein getrimmten Kur- und Wintersportort, bis Grand Junction, der „großen Verbindung“, ein Ort, der an dramatische Ereignisse in der amerikanischen Eisenbahngeschichte erinnert. Private Unternehmen, darunter die „Denver-Santa Fe“- und die „Rio Grande Western“-Gesellschaft, auf deren leicht ausgeleierten Schienen wir dahinbrausen, lieferten sich auf dieser einst lukrativen Strecke zu den Goldschürfstätten in den Wüsten von Utah und Nevada – zu einer Zeit, da es weder Jets noch Highways gab – regelrechte Bauschlachten.

Gegen Abend erreichen wir den Mormonenstaat Utah, und exakt an seiner Grenze verläßt uns der Colorado River. Gute 800 Kilometer haben wir jetzt geschafft, die Strecke München-Hamburg etwa, und doch erst einen halben US-Bundesstaat durchfahren. Das Felsengebirge öffnet sich zum Großen Becken. Die Landschaft ändert sich: Steppe, Grasbüschel auf steinigem Grund, Öde mit einem Hauch Melancholie, plötzlich durchbrochen von einem Saum Vegetation, dem Green River, Wasser in der Wüste. Es wird Zeit für das Essen im Speisewagen. Es ist ausgezeichnet, und das zu erfreulich soliden Preisen: Das riesige, allerdings auf dem Pappteller servierte „New York Strip Steak“ mit „Baked Potatoe“ kostet umgerechnet etwa 25 Mark. Dazu gibt es Bier oder kalifornischen Wein in kleinen Flaschen mit beziehungsreichen Namen wie „Chablis“ und „Burgunder“.