Die Schlinge ist ausgelegt, der Jäger lauert. Ahnungslos schiebt sich ein Tier in die Falle, die daraufhin blitzschnell und brutal zuschnappt. Zwar wehrt sich das Opfer verzweifelt, doch es hilft nichts: sein Schicksal ist besiegelt, sein Leben verwirkt.

Engagierte Tierschützer protestieren hier allerdings zu früh. Denn keine trophäensüchtigen Großwildjäger haben sich hier als heimtückische Fallensteller betätigt. Dieses Jagddrama spielt sich, vom Menschen unbemerkt, im Mikrokosmos des Bodens oder verrottenden Holzes ab. Das Opfer gehört zu den Nematoden, Fadenwürmern von maximal einem Millimeter Länge. Der Jäger ist – ein Pilz.

Etwa 150 fleischfressende Pilzarten kennt die Wissenschaft. Trotzdem ist das Phänomen weithin unbekannt, ganz im Gegensatz zu dem der höheren fleischfressenden Pflanzen. Wer kennt nicht die Klebefallen des auch bei uns heimischen Sonnentaus, die Klappfallen der nordamerikanischen Venusfliegenfalle oder die Kesselfallen der ebenfalls in Nordamerika beheimateten Kannenpflanze? Aber fleischfressende Pilze?

Die Fangvorrichtungen der Pilze zeichnen sich jedenfalls durch mindestens ebensoviel Raffinesse aus wie die der höheren fleischfressenden Pflanzen. Auch ihnen steht ein ganzes Arsenal von Waffen für die Beutejagd zur Verfügung. Eine Gruppe von Pilzen benutzt beispielsweise bestimmte Giftstoffe, die das Opfer lähmen und wehrlos machen. Ist der vorbeikriechende Wurm erst einmal bewegungsunfähig, wachsen rasch Pilzfäden zu dem Opfer hin, dringen in eine Körperöffnung ein und verdauen das Tier von innen her. Auch der als Speisepilz hochgeschätzte Austernpilz gehört übrigens zu denjenigen, die solche „chemischen Kampfstoffe“ ausscheiden. Sie sind allerdings nur für Fadenwürmer, nicht aber für Menschen gefährlich.

Eine andere Gruppe fleischfressender Pilze bedient sich beim Nematodenfang klebriger Anhängsel, die nach dem „Leimrutenprinzip“ funktionieren: Berührt ein Fadenwurm eine solche Klebefalle, bleibt er unweigerlich daran hängen. Auch die Klebespezialisten unter den Pilzen „infiltrieren“ ihre Opfer und lösen sie dann von innen her bei lebendigem Leib auf. Selbst wenn es einem gefangenen Wurm einmal gelingt, sich mitsamt den Klebezellen von dem Pilz loszureißen, fahren die abgetrennten Zellen mit ihrer makabren Mahlzeit erbarmungslos fort.

Die faszinierendsten Fallen, die fleischfressende Pilze entwickelt haben, sind aber wohl die bereits erwähnten Fangschlingen einiger Arten. Sie bestehen lediglich aus drei Zellen und bilden einen Ring von ungefähr einem dreißigstel Millimeter Durchmesser. Die Zellen der Fangschlingen reagieren sehr empfindlich auf Berührungen an ihrer inneren Oberfläche: Schiebt sich ein Fadenwurm durch den Ring, schwellen die Zellen innerhalb einer Zehntelsekunde auf das dreifache ihres ursprünglichen Volumens an. Die Schlinge verengt sich somit und der Wurm sitzt fest.

Ausgelöst wird das Anschwellen der Schlingenzellen durch einen feinen Riß der äußeren Zellhülle. Wasser, das aus der umgebenden Luft aufgenommen wird, pumpt die Zelle augenblicklich auf und eine zieharmonikaförmige, innere Zellhaut entfaltet sich. Bei trockner Luft funktioniert die Falle nicht.