Stets lästig, oft peinlich, selten schmerzhaft, aber kaum je tödlich: So verläuft die Infektion mit einem Herpes-Virus für den Erwachsenen. Die Chancen eines Neugeborenen sind dagegen immer schlecht. Vier von zehn Babys, die sich bei der Niederkunft im Geburtskanal anstecken, sterben. Jedes zweite Kind, das eine Infektion durchsteht, leidet lebenslang an zuweilen schweren, meist geistigen Behinderungen.

Jetzt sollen gleich zwei miteinander konkurrierende Diagnosesysteme die Chancen dieser Neugeborenen nachhaltig verbessern. Das herkömmliche Testsystem läßt bei einem Verdacht auf Herpes im Genitalbereich der werdenden Mutter erst nach mindestens 24 Stunden eine Aussage zu. Dies kann bei plötzlich einsetzenden Wehen einen vielleicht unnötigen Kaiserschnitt verursachen. Denn nur ein Kaiserschnitt bewahrt das Baby bislang vor den womöglich verheerenden Folgen des Infekts.

Die Nationalen Gesundheits-Institute (NIH) der Vereinigten Staaten gaben kürzlich eine technische Verbesserung des bisherigen Systems bekannt, wodurch sich die Wartezeit auf viereinhalb Stunden verkürzt. Die Mitteilung kreuzte zufällig einen Zulassungsbescheid der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA: Ein von der Pharmafirma Electro-Nucleonics in Silver Spring im Bundesstaat Maryland entwickelter Test kann eine Ansteckung mit Herpes-Viren vom Typ Simplex-1 und -2 in weniger als einer Stunde nachweisen. Siebzig Prozent der gefährlichen Ansteckungen werden vom Typ 2 hervorgerufen.

Der neue Test arbeitet mit sogenannten monoklonalen Antikörpern, einer erst wenige Jahre jungen Erfindung der modernen Biomedizin. Den beiden Molekularbiologen Cesar Milstein und Georges Köhler kann die Idee noch in diesem Jahrzehnt den Nobelpreis einbringen. Die züchteten die ersten von Menschenhand geschaffenen „unsterblichen“ Zellen, indem sie Zellen des Immunsystems, die Antikörper bilden (B-Lymphozyten), mit bestimmten Krebszellen kreuzten, die für ihre anhaltende Teilungstendenz berüchtigt sind. Ergebnis: Eine Mutterzelle, deren identische Nachkommen („Klone“ im Jargon der Biologie) allesamt fortan beide Fähigkeiten in sich vereinen. Sie teilen sich unaufhörlich und produzieren dabei ebenso unaufhörlich einen einzigen (eben monoklonalen) Antikörper. Mit Antikörpern, speziell erzeugten Eiweißstoffen, setzt sich der menschliche Organismus gegen übergriffe von Mikroben zur Wehr. Und monoklonale Antikörper eignen sich überdies als empfindliche molekulare Spürhunde zum Nachweis von Infektionen.

Beide Systeme kommen noch in diesem Frühjahr in den Handel. Vor vier Jahren war es Kinderärzten mit dem Wirkstoff Vidarabin gelungen, die Sterblichkeit bei infizierten Babys von siebzig auf unter vierzig Prozent zu senken. Die neuen Entwicklungen versprechen nun großen Nutzen besonders nach mehrfachen Infekten im Bereich des Muttermundes, die ohne klinische Anzeichen und von der Schwangeren unbemerkt verlaufen können.

Die Herpes-Detektive kommen gerade zur rechten Zeit. Eine jüngst in Seattle veröffentlichte amerikanische Studie dokumentiert einen dramatischen Anstieg der Neugeborenen-Herpes: 1969 kamen durchschnittlich keine drei Fälle auf 100 000 Geburten, während es zwischen 1979 und 1981 schon fast zwölf und 1982 gar mehr als 17 Fälle waren. Der neue Herpestest könnte mithelfen, eine der gefährlichsten Komplikationen der Schwangerschaft einzudämmen.

Eine ähnlich erfreuliche Entwicklung stellte nun auch das Krebszentrum der Universität Texas in Houston in Aussicht. Dort verabreichten Ärzte ihren Krebspatienten, die während der Tumortherapie nicht gerade selten ein Aufflackern längst abgelaufener Herpesinfekte erleben müssen, täglich mehrere Tabletten des Magensäure-Blockers Cimetidin (Handelsname hierzulande „Tagamet“). In einem Fall kam es zu einer „Verbesserung“ und dreimal sogar zu einer „dramatischen Besserung“. Innerhalb von 48 Stunden klang der quälende Schmerz ab, der lästige Juckreiz verschwand, die entzündlichen Hautveränderungen begannen abzuheilen. Vorschlag der Texaner: Vielleicht sollte der Säureblocker auch bei Herpes im Genitalbereich eingesetzt werden. Peter Jennrich