Der stern verkommt. Damit ist nicht gemeint, was einen da auf unappetitlichen Titelbildern angähnt oder an Begriffsverwilderungen anekelt; „Ermächtigungsgesetz“ war der grapschige Amnestieversuch gewiß nicht. Ich rede von dem, was man neuerdings in dem Bilderheft unter „Kultur“ versteht.

Es ist noch gar nicht lange her, da versuchten die Chefredakteure Koch und Schmidt ein Feuilleton aufzubauen – renommierte Autoren wie Reinhard Baumgart, Hans Mayer, Peter Wapnewski schrieben im stern. Nichts mehr davon. Die „Kultur“ ist dem Ressort „Unterhaltung“ angegliedert. So ist sie denn auch. Geblieben ist ein trüber Bodensatz: Klatsch, Perfidie, „personality stories“, wie man das in diesem Gewerbe wohl nennt. Ein Eleve namens Tilman Jens spreizt die Feder, mit hilflosen Interviews für das Gespött der Branche sorgend: „Sie sagt es, wie alles was sie sagt, mit einem unerschütterlichen Lächeln, das ihr wie eine Berufskrankheit anhaftet.“ Solche sprachlichen Bemühungen mögen für Gitte Haenning reichen. Nun läßt man ihn an Literatur; da geht es schief.

In der letzten Ausgabe des stern ist ein Musterbeispiel von Gossenjournalismus zu lesen: Eine Intim-Nachschnüffelei des am 23. Februar in Sheerness verstorbenen Schriftstellers Uwe Johnson. Über das Werk dieses Romanciers las man seit Jahren kein Wort im stern. Nun ist er tot: die Jagd ist auf. In bester Bild-Manier schickt der stern Photographen zur nach dem Willen des Autors absolut diskreten Einäscherung – die Tochter floh entsetzt vor dem Rummel. Schon das – hätten die stern-Reporter je eine Zeile von Uwe Johnson gelesen, wüßten sie von der Wichtigkeit Katharina Johnsons für dessen Werk und Leben – eine Infamie. „Geschossen“ wurde dafür die seit fahren von Johnson getrennt lebende Frau Elisabeth: in Trauerkleidung vor einem obszönen Graffitti. Eine Ferkelei, kaum zu unterbieten.

Das ist auch die gesamte „Reportage“, die von Trinkereien, Schwitzen, besoffenen Tänzen und Wein- oder Biermarken plaudert und noch einmal die grausliche private Tragödie der Johnsons breittritt: Er hatte seine Frau öffentlicht bezichtigt, 17 Jahre für den tschechoslowakischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Viele seiner Freunde waren entgeistert, bestürzt, versuchten die Wahrheit herauszufinden oder zu vermitteln. Um die Wahrheit aber geht es dem jungen Mann vom stern nicht – bei der aufwendigen Reise war für echtes Recherchieren, etwa vermittels eines Stadtgesprächs für dreiundzwanzig Pfennige, kein Raum mehr. Es betrifft mich – und deshalb soll es auch von mir zurechtgerückt werden. Zitat stern: „Zwei Jahre lang, bis zum Herbst 1977, versuchten die Johnsons einen Neuanfang, bis die Tragödie, die bislang nur die beiden betraf, durch die Indiskretion eines Hamburger Feuilletonisten ruchbar wurde, der sich später in einem Nachruf auf Johnson zu allem Überfluß mit dessen Freundschaft brüstete, obwohl die ihm in einem bitterbösen Brief längst aufgekündigt worden war.“

Diese „Indiskretion“ gab es nicht. Es gab: ein gebuchtes Ticket nach England – weil damals noch mit allen drei Johnsons befreundet – ‚ um zu helfen. Es gab Telefonate mit Johnsons deutschen und amerikanischen Verlegern (die von Johnson seit Jahren „eingeweiht“ waren). Es gab den Bruch der Freundschaft – u.a. geschildert in jenem Nachruf, in dem niemand sich mit nichts „brüstete“. Es gab – Archiv-Recherchen sollten doch wenigstens möglich sein? – eine Buchkritik im Jahre 1980: Da hatte Johnson, indiskret und denunzierend sein Dilemma öffentlich gemacht.

Was hier mit einem toten Schriftsteller getrieben wird, ist so unreinlich wie unredlich. Die Wahrheit selbst dieser kleinen Details wäre mühelos zu erfahren gewesen; auch die: daß Uwe Johnson die letzte große Auslandsreise vor seinem Tod, nach Beendigung des Romanwerks „Jahrestage“, auf Initiative und Einladung des „Skandalschreibers“ unternahm. Bisher lachte man über Ungelenkheiten dieser Art von „Kulturjournalismus“, Joachim Kaisers lustiges Bonmot über einen stets banal zeternden Kritiker im Ohr: „Man möchte so gerne zu ihm aufschauen – doch blickt man hoch: dann ist da garnix“. Doch bei dieser Fledderei kann einem das Lachen ersticken – blickt man da runter, dann ist da was.

Fritz J. Raddatz