ARD, Sonntag, 20. Mai: „Geschäfte ohne Grenzen Wächst die Freizeitindustrie ins Uferlose?

Natürlich, ich wußte das alles nicht, wußte nicht, daß die Freizeitbranche immerhin für ein Siebtel des bundesrepublikanischen Sozialprodukts steht, und wußte auch nicht, daß drei von vier Bundesbürger offenbar zur Gilde der Heimhandwerker gehören. (Das Volk der Dichter und Denker, vernahm der Betrachter am Bildschirm, sei zur Gemeinde der Bastler und Bohrer geworden.)

Ich wußte ebenfalls nicht, daß das Freizeitbudget der Leute hierzulande seit den sechziger Jahren um vierhundert Prozent gestiegen ist, wußte nicht, daß anno 1982 vierzig Milliarden in ausländische Ferienbetriebe, vom Campingplatz bis zum Grand-Hotel, abgewandert sind, wußte nicht, daß die Deutschen nach den Amerikanern die leidenschaftlichsten Touristen der Welt sind.

Ich wußte nicht einmal, was unter „gestalteter Erlebnis-Hotellerie“ oder „gebietstypischem Essen und Trinken“ zu verstehen ist, ja, es war mir sogar unbekannt, wie unendlich langsam sich eine elektrische Bohrmaschine, des Mannes liebstes Heimwerkzeug, amortisiert, wenn pro Jahr und Benutzer durchschnittlich nur ganze zehn Löcher in die Wand gebohrt werden.

Ich wußte übrigens auch nicht – und dies zumindest hätte mir bekannt sein müssen daß im Freizeitgewerbe derzeit mehr Menschen als in der Autoindustrie beschäftigt sind: vier Millionen, daß die Branche krisenfest ist, und, da die Bürger lieber weniger verdienen als Freizeit preisgeben möchten, fürs erste noch expandiert: das Sportartikel-Bastelwerkzeug- und Tourismus-Unternehmen mit seinen Multis und den vielen kleinen Mittelbetrieben – ein mächtiger, wenn auch schweigsamer Komplize der für die 35-Stunden-Woche kämpfenden Gewerkschaften! Mehr Freizeit, mehr Umsatz, mehr Arbeitsplätze heißt – von adidas bis zur Firma, die mit Hilfe des Sprühmittels Schirokko alte Farben aufweichen kann – die Devise der Erlebnisindustriellen, über deren Praktiken Rainer Seibert in seinem Film „Geschäfte ohne Grenzen?“ zumindest einiges verriet: Zuerst wird durch Billigangebote ein Volk von Tennisspielern auf die Beine gestellt, und, wenn es dann steht, erhöhen die Schlägerhersteller die Preise in schwindelnde Höhen.

Nützliche Informationen – nur: was sollten die Bilder im Film? Die hobelnden Hände, sportschuhbedeckten Füße, geschmirgelten Bretter, nimmersatten Stich- und Handkreissägen, Tischtennistische, Massagebänke, Flipperkästen und Gymnastikräume, die hoteleigenen Kindergärten nicht zu vergessen: Was trug das alles, so schön es auch photographiert war, zur Problemerhellung bei?

Ein Zeitungsartikel von vier Seiten, ein Hörfunkbeitrag, zehn Minuten lang: wunderschön. Aber die Streckung, Zerrung und Dehnung der wenigen Daten (und der paar Bonmots) zu einem bunten Dreiviertelstundenfilm: Das ergab, da das Medium verfehlt war – verfehlt wie so oft! – am Ende nichts als Langeweile... und das um so mehr, als von Problemerhellung nicht die Rede war.