Von Rolf Michaelis

Das Hamburger Abendblatt hatte seine holde Not mit Hölderlins Trauerspiel "Der Tod des Empedokles". Die Inszenierung des einzigen Bühnenstückes, das Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) in drei Fassungen fragmentarisch hinterlassen hat, wurde erst angekündigt als "Der Tod des M. P. Dokles", dann als "Tod dem Empedokles".

Frank-Patrick Steckels Inszenierung im Malersaal, des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, in der Kampnagelfabrik, gibt – leider – der letzten Druckfehler-Fassung des Lokalblattes Recht: Die um fast zweihundert Jahre verspätete, über fünf Stunden dauernde Uraufführung aller drei Entwürfe, im Programmheft gepriesen als "erstmalig in der Bühnengeschichte der Fragmente", erweist sich, allem Beifalls-Getrampel zum Trotz, als Mißverständnis. In einer großen, nicht unsympathischen Anstrengung, jede Silbe von Hölderlins ehrgeizigem Versuch im Drama akustisch zu dokumentieren, und sei es durch "Lesung" der zweiten Fassung in der Pause, bereiten die Hamburger dem "Empedokles" einen Bühnen-Tod.

Hölderlin, der Lyriker, der mit einem Werk die Gattung zugleich sprengende und bereichernde Roman-Autor ("Hyperion"), der Epigrammatiker, Theoretiker, der Übersetzer griechischer Hymnen (Pindar) und Dramen (Sophokles) ist als Bühnenautor ein Dramatiker ohne Drama. Drängt nicht schon die dialektische Bewegung von Hölderlins Denken, die ihn seit der gemeinsamen Studienzeit mit Hegel und Schelling im Tübinger Stift beherrschte, zu dialogischer, dramatischer Auseinandersetzung? Der Dichter dramatisch gespannter Oden, der Übersetzer griechischer Tragödien besitzt, was ihm Friedrich Beißner, der beste Erforscher von Hölderlins Leben und Werk in diesem Jahrhundert, zuerkennt: "Ursprüngliche Begabung für das Dramatische und das Drama." Aber sein – einziges – Drama zu vollenden, ist ihm in drei Anläufen nicht geglückt.

Nach der Uraufführung einer "Bearbeitung" aller drei Entwürfe durch Wilhelm von Scholz am Stuttgarter Hoftheater (1916) hat es immer wieder Versuche gegeben, die sprach- und bildermächtigen Szenen der Bühne zu gewinnen (Schadewaldt in Tübingen, 1962). Die Verlegenheit gegenüber einem undramatischen Weihespiel über den legendären Philosophen, Arzt, Dichter und Politiker Empedokles aus Agrigent, dem heutigen Grigenti auf Sizilien, der im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt, von seinen Mitbürgern verbannt, in den Ätna gesprungen sein soll, ist erst gewichen, als Klaus Michael Grüber 1975 an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin einen ganz neuen Zugang versucht hat.

Gräber hat nicht mehr einen Kranz schöner Verse aus dem Zitaten-Schatz gewunden ("O ehre, was du nicht verstehst"; "Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr"; "O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt"), sondern – auf zwei Bühnen gleichzeitig inszenierend – Hölderlins Version vom großen Einzelnen in einer feindlichen Gesellschaft verwandelt in ein Panorama zugleich mythischer und moderner Bilder. Die Schaubühne spielte den (mit 522 Versen kürzesten) dritten Entwurf, erweitert um einige Verse vom Beginn der ersten Fassung.

Steckels Hamburger Unternehmung wagt nicht den Appell an die mitdenkende, mitträumende Phantasie des Zuschauers. Die sich so demütig werkgetreu gebende Inszenierung bedeutet einen Rückschritt für das Theater. Trotz schöner Einfälle, gelegentlich kräftiger Bilder riskiert die Aufführung nichts. Sie klärt auch nichts. Sie entläßt den Zuschauer verwirrt: Wer ist dieser Empedokles, wie Hölderlin ihn sich erträumt hat?