Sabine wird im Juli sechzehn, ihre Freundin Anja braucht noch ein paar Monate länger. Beide besuchen die neunte Klasse der Goethe-Oberschule in Weimar. Sabine arbeitet in der evangelischen Jungen Gemeinde, „was mir unheimlich Spaß macht“, und ist eine der wenigen in der Schule, die nicht in der FDJ sind. Befürchtet sie berufliche Nachteile? „An sich schon, aber ich will später im evangelischen Krankenhaus arbeiten, da können sie mir nichts.“ Anjas Mutter ist in der Partei. „Da blieb mir nichts anderes übrig, da mußte ich in die FDJ.“

Die beiden Mädchen ziehen an ihrer Zigarette. Wir sitzen im zweiten Stock des „Esplanade“, einem Café in Weimar. Dabei am Tisch Stefan, Karin und Marion, drei Zehntklässler aus einer westdeutschen Kleinstadt. „Eingebildet finde ich euch gar nicht“, stößt Anja plötzlich hervor. Es ist ihre erste Begegnung mit Westdeutschen. „In der Schule, vor allem in Staatsbürgerkunde, wird viel Schlimmes über euch erzählt: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Ausländerfeindlichkeit, Aggressionen der westdeutschen Polizei gegenüber Friedensdemonstranten.“ Ob sie das glaubten, fragt Karin zurück. „Es ist immer dasselbe, viele hören schon gar nicht mehr hin, die meisten sehen sowieso ARD und ZDF. So können wir uns ein ungefähres Bild von euch machen.“

Sabine ist Lindenberg-Fan, auch Peter Maffay und Trio mag sie sehr. Aus der DDR-Hitparade kennt sie keinen Titel, gehört wird nur, was aus dem Westen kommt. „Die haben gar keine Angst“, flüstert mir Stefan zu. Anja lacht „Warum auch? Du mußt in der Schule tun als ob. Wenn ich natürlich öffentlich sage, ‚DDR ist Scheiße’, dann holen sie mich. Also sage ich, die DDR ist gut und schön.“ Denken alle so wie sie? „Dreißig Prozent“ – „eher zwanzig“, korrigiert Anja – „sind überzeugte Sozialisten, in der Jugend noch weniger.“ Trotzdem: „Sozialismus direkt ist nicht schlecht, aber er müßte freier sein, ehrlicher.“

Anja erzählt: „Als vor einiger Zeit ein westlicher Politiker nach Weimar kam, wurde die Schillerstraße für die einfachen Leute gesperrt, Polizisten in Zivil spielten Fußgänger. Warum so ein Theater?“ Wir schlürfen unsern Kaffee, machen ein paar Erinnerungsphotos von der Gruppe. Einige Ost-Punker mit asymmetrisch rasiertem Schädel raunzen: „Von uns keine Bilder!“ Marion erwähnt die Schlangen, die sie vor einzelnen Geschäften gesehen hat. „Vielleicht gibt es gerade Lederturnschuhe oder Cordhosen“, lacht Sabine, „so was spricht sich rasend schnell ’rum.“

Worauf sie stolz seien hier in der DDR, will ich wissen. Auf die erfolgreichen Sportler? „Sicher nicht, da ist zuviel Zwang dahinter, die haben gar nichts von ihrem. Leben.“ Anja überlegt. „Die Wohnungsmieten sind billiger als bei euch, bei uns bekommt jeder einen Arbeitsplatz, der Arztbesuch ist kostenlos, und für die Familie tut der Staat eine ganze Menge.“ Und wie stehen Sabine und Anja zu den Ausreisewilligen? „Die machen einen großen Fehler, wo die Arbeitslosigkeit so hoch ist bei euch“ (Sabine), „irgendwie finde ich das feige, einfach davonzulaufen“ (Anja). Beide glauben, daß das Fernsehen schuld ist. „Die Werbung im Westfernsehen macht die Leute verrückt, sie erwarten bei euch das Paradies.“ Ob sie nicht auch schon daran gedacht haben, eines Tages in den Westen zu gehen. „Ausreisen? Nein, hier bin ich geboren, ich möchte nicht weg, hier ist meine Heimat. Besuchen ja, aber vielleicht zuerst Frankreich, Paris.“ Sabine nickt. „Sicher würden wir wieder zurückkommen.“

Kaum waren wir aus der DDR zurück, lag schon der erste Brief von Sabine bei Marion im Briefkasten: „Ich wollte Dir noch schreiben, daß meine Freundin und ich uns unheimlich gefreut haben, als wir Euch trafen. Erstens war es für uns total neu, mit anderen, oder besser mit ’Westdeutschen’, über unsere Probleme und Gedanken zu reden, und zweitens, daß man wirklich alles sagen konnte, das fanden wir alle beide echt toll. Vielleicht habt Ihr gedacht: ’Na, die übertreiben doch’. Aber ich muß da eigentlich widersprechen, es war wirklich alles wahr! Das Gespräch mit Euch hat uns auch einiges über den ’bösen Kapitalismus’ klargemacht. Also es ist klar, daß die Kapitalisten über die Sozialisten schimpfen und meckern und genauso ist es andersrum. Das ist aber nun mal so, und ich finde, man sollte es aber nicht übertreiben.“ P.S.