Von Rudolf Herlt und Roger de Weck

ZEIT: Bei der Bewältigung der internationalen Schuldenkrise, die immer noch die Weltwirtschaft bedroht, ist der Übergang von der bloßen Schadenseindämmung zu konstruktiven langfristigen Lösungen noch nicht gelungen. Sehen Sie schon Anzeichen für ein längerfristiges Konzept?

Leutwiler: Anzeichen ja, aber noch wenig Fortschritte. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis ausgebreitet, daß man zu einer konstruktiven Lösung mehr braucht als nur Währungsfondsprogramme, und daß die Anpassungsmaßnahmen in den Schuldnerländern nicht so rasch und so streng durchgeführt werden können. Man braucht mehr Zeit und zusätzliche Anstrengungen, um die Probleme zu lösen. Da sind zwar Ansätze zu sehen, aber wenig Taten.

ZEIT: Welche Ansätze und Ideen halten Sie für realistisch?

Leutwiler: Es ist wohl inzwischen Allgemeingut, daß die Last des Schuldendienstes, gemessen an den möglichen Exporten, ganz einfach zu groß ist. Nun spricht man wenigstens darüber, wie man diese Schuldnerländer entlasten könnte. Es gibt verschiedene Vorschläge. Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, hat sich vor einigen Monaten öffentlich dafür eingesetzt, die Zinsen zu kapitalisieren. Das ist zwar keine Entlastung auf die Dauer, aber die Banken brauchten kein neues Geld in die Schuldnerländer zu pumpen. Man könnte den Ländern einige tilgungsfreie Jahre einräumen, um den Anpassungsprozeß so weit treiben zu können, daß sie wieder aus eigener Kraft den Schuldendienst übernehmen könnten in der Hoffnung, daß bis dahin die Dollarzinsen auch wieder etwas tiefer liegen. Mit der neuerlichen Zinssteigerung der letzten Tage wächst in den Schuldnerländern allerdings der Eindruck: Das können wir nicht bewältigen.

ZEIT: Welche anderen Vorschläge sind in die Diskussion gebracht worden?

Leutwiler: Es gibt weitere Möglichkeiten der Zinserleichterung. Ich sehe sie vor allem bei der Konsolidierung der Schulden. Der große Anteil der kurzfristigen Schulden muß für längere Zeit konsolidiert, d. h. aus „kurz“ muß mindestens „mittel“, wenn nicht „lang“ gemacht werden, Das würde es den Banken erlauben, die Zinsen im Rahmen eines Pakets etwas zu senken. Man kann von den Banken freilich nicht verlangen, daß sie allein ihre Zinsen reduzieren. Es gibt auch Regierungsdarlehen, und meines Erachtens sollten die Regierungen wenigstens mitziehen, wenn nicht mit gutem Beispiel vorangehen.