Von Karl-Heinz Janßen

Bis halb drei in der Nacht hockten sie beim Whisky, der Militaria-Händler Konrad Fischer alias Kujau und der stern-Reporter Gerd Heidemann. Noch zierte sich der listige Sachse, die angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers herauszurücken, für die ihm Heidemann zwei Millionen geboten hatte. Aber er erzählte von seinen tollen Verbindungen in der DDR. So habe er zum Beispiel eine Kassette mit einer Spieluhr Auist des Starken erworben, die 1945 nach der Bombardierung Dresdens aus dem „Grünen Gewölbe“, der berühmten Kunstgewerbesammlung im Residenzschloß, verschwunden sei. „Grünes Gewölbe“ – in jener kalten Januarnacht 1981 wurde der Tarnname geboren, unter dem das Hamburger Magazin Stern bei strengster Geheimhaltung vorbereiten würde, was eine Weltsensation werden sollte und sich im Mai 1983 als der größte journalistische Flop des Jahrhunderts entpuppte.

Vor gut einer Woche hat die Große Strafkammer 11 des Hamburger Landgerichts das Verfahren gegen Heidemann, Kujau und dessen Lebensgefährtin Edith Lieblang eröffnet. Die beiden Männer sind des schweren Betruges angeklagt, die Frau wegen Hehlerei. Im August soll der Prozeß beginnen, für den über sechzig Zeugen gehört wurden. Dann wird sich vielleicht endlich herausstellen, was von der stern- Affäre zu halten ist:

War sie bloß eine Gaunerkomödie mit zwei betrogenen Betrügern nach klassischem Modell (so die landläufige Meinung der Presse und des Staatsanwalts)? Oder steckte eine Verschwörung alter und neuer Nazis dahinter, zum Zwecke, das Dritte Reich zu verherrlichen und zugleich an die Millionen des Stern heranzukommen (so die These der britischen Journalistin Gitta Sereny)? Ist Kujau wirklich einer der raffiniertesten Fälscher oder nur ausführendes Organ von Dunkelmännern in Europa und Übersee gewesen?

Sind Journalisten, Historiker, Schriftexperten, Verlagsmanager, Archivare und Sammler ahnungslos in eine Falle getappt? Oder waren sie verblendet durch Ehrgeiz und Prestigesucht, durch Sammlereifer und Konkurrenzdenken, durch die Jagd nach dem Mammon? Haben am Ende gar Kujau und Heidemann, die sich im Gefängnis aus dem Wege gehen, über ein Jahr lang unschuldig in Untersuchungshaft gesessen?

Eines steht fest: Das Verlagshaus Gruner + Jahr und die stern-Redaktion gäben viel darum, ließe sich der Prozeß noch aufhalten. Denn wochenlang wird der stern, werden die Praktiken des Scoop- und Scheckbuchjournalismus am Pranger stehen. Aber nachdem der Verlag „den zähesten Spürhund, der sich denken läßt“ (stern-Werbung für Heidemann) wegen Betruges angezeigt hatte, gab es kein Entrinnen mehr. Die Riesenblamage verlangte wohl nach einem Sündenbock.

Es stimmt ja: ohne Heidemann, ohne die Hartnäckigkeit, ja Besessenheit dieses Illustrierten-Rechercheurs, ohne seine mit Reporterschläue durchsetzte Naivität und Treuherzigkeit hätte es diese stern-Affäre nicht gegeben. „Uberlebensgroß“ erschien er seinem einstigen Kollegen Erich Kuby, und Heidemann wäre tatsächlich der Welt größter Reporter gewesen, hätte er statt der falschen 62 echte Tagebücher Hitlers geangelt.