Von Karl-Heinz Janßen

Bis halb drei in der Nacht hockten sie beim Whisky, der Militaria-Händler Konrad Fischer alias Kujau und der stern-Reporter Gerd Heidemann. Noch zierte sich der listige Sachse, die angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers herauszurücken, für die ihm Heidemann zwei Millionen geboten hatte. Aber er erzählte von seinen tollen Verbindungen in der DDR. So habe er zum Beispiel eine Kassette mit einer Spieluhr Auist des Starken erworben, die 1945 nach der Bombardierung Dresdens aus dem „Grünen Gewölbe“, der berühmten Kunstgewerbesammlung im Residenzschloß, verschwunden sei. „Grünes Gewölbe“ – in jener kalten Januarnacht 1981 wurde der Tarnname geboren, unter dem das Hamburger Magazin Stern bei strengster Geheimhaltung vorbereiten würde, was eine Weltsensation werden sollte und sich im Mai 1983 als der größte journalistische Flop des Jahrhunderts entpuppte.

Vor gut einer Woche hat die Große Strafkammer 11 des Hamburger Landgerichts das Verfahren gegen Heidemann, Kujau und dessen Lebensgefährtin Edith Lieblang eröffnet. Die beiden Männer sind des schweren Betruges angeklagt, die Frau wegen Hehlerei. Im August soll der Prozeß beginnen, für den über sechzig Zeugen gehört wurden. Dann wird sich vielleicht endlich herausstellen, was von der stern- Affäre zu halten ist:

War sie bloß eine Gaunerkomödie mit zwei betrogenen Betrügern nach klassischem Modell (so die landläufige Meinung der Presse und des Staatsanwalts)? Oder steckte eine Verschwörung alter und neuer Nazis dahinter, zum Zwecke, das Dritte Reich zu verherrlichen und zugleich an die Millionen des Stern heranzukommen (so die These der britischen Journalistin Gitta Sereny)? Ist Kujau wirklich einer der raffiniertesten Fälscher oder nur ausführendes Organ von Dunkelmännern in Europa und Übersee gewesen?

Sind Journalisten, Historiker, Schriftexperten, Verlagsmanager, Archivare und Sammler ahnungslos in eine Falle getappt? Oder waren sie verblendet durch Ehrgeiz und Prestigesucht, durch Sammlereifer und Konkurrenzdenken, durch die Jagd nach dem Mammon? Haben am Ende gar Kujau und Heidemann, die sich im Gefängnis aus dem Wege gehen, über ein Jahr lang unschuldig in Untersuchungshaft gesessen?

Eines steht fest: Das Verlagshaus Gruner + Jahr und die stern-Redaktion gäben viel darum, ließe sich der Prozeß noch aufhalten. Denn wochenlang wird der stern, werden die Praktiken des Scoop- und Scheckbuchjournalismus am Pranger stehen. Aber nachdem der Verlag „den zähesten Spürhund, der sich denken läßt“ (stern-Werbung für Heidemann) wegen Betruges angezeigt hatte, gab es kein Entrinnen mehr. Die Riesenblamage verlangte wohl nach einem Sündenbock.

Es stimmt ja: ohne Heidemann, ohne die Hartnäckigkeit, ja Besessenheit dieses Illustrierten-Rechercheurs, ohne seine mit Reporterschläue durchsetzte Naivität und Treuherzigkeit hätte es diese stern-Affäre nicht gegeben. „Uberlebensgroß“ erschien er seinem einstigen Kollegen Erich Kuby, und Heidemann wäre tatsächlich der Welt größter Reporter gewesen, hätte er statt der falschen 62 echte Tagebücher Hitlers geangelt.

Mancher, der heute beim stern mit dem Finger auf den einstigen Star-Reporter zeigt, wollte früher die Hand für ihn ins Feuer legen. Heidemann – das ist, wie Nannen, ein Stück stern- Geschichte. Er fing an als Photograph und wurde bekannt durch seine Kriegsberichte aus Afrika und dem Nahen Osten. Dann folgten seine Erfolge als Rechercheur und Dokumentarist: Er kam dem geheimnisumwitterten Schriftsteller B. Traven („Das Totenschiff“) auf die Spur; er berichtete vom Lufthansa-Unglück in Nairobi und von der Geiselbefreiung in Mogadischu, er lieferte hieb- und stichfestes Material für große Serien. Er war es, der in der Lockheed-Affäre Dokumente des einstigen Strauß-Spezis Ernest Hauser, die den CSU-Chef belasten sollten, als Fälschung entlarvte. Dies wiederum erhöhte in der anderen Tagebuch-Sache seine Glaubwürdigkeit.

Heidemann war das Gegenstück eines rasenden Reporters: ein unauffälliger Typ von biedermännischer Erscheinung, leise und gleichmütig, bescheiden und zurückhaltend im Auftreten, so brachte er die Menschen zum Reden – die zumeist von seinem versteckten Tonbandgerät nichts ahnten. Bei aller an ihm gepriesenen Sorgfalt ermangelte es ihm des sicheren Urteils. Nur zu leicht verwischten sich ihm Wunschdenken und Realität. Noch jetzt, im Gefängnis, gerät er ins Träumen, wenn er von seiner Suche nach den Goldschätzen Görings und Mussolinis erzählt. Aber er verfällt auch in Selbstkritik: „Ich war ja zu blöd, bin immer voll eingestiegen!“

In den siebziger Jahren erschloß sich ihm ein neues Feld: die Geschichte des Dritten Reiches. Er suchte die Bekanntschaft der Tochter des Reichsmarschalls Hermann Göring, und er kaufte sich dessen ehemalige Yacht, „Carin II“, eine Erwerbung, die ihm Besuche verblaßter Größen der Hitler-Zeit bescherte. Der ehemalige Stabschef Himmlers, SS-General Karl Wolff, diente ihm als Türöffner bei einer Reise nach Südamerika. Mit Fürsprache seines Duzfreundes „Wölffchen“ wollte Heidemann erkunden, wie die „alten Kameraden“ mit Hilfe kirchlicher Kreise über Italien entkommen konnten. Außerdem hoffte er, den langgejagten KZ-Arzt Mengele aufzustöbern.

Tatsächlich begegnete er anderen Kriegsverbrechern, wie Klaus Barbie, der ihm in sadistischem Jargon seine „Taten“ aufs Band sprach. Dies hinderte den Reporter nicht, sich nach der Veröffentlichung des Interviews noch einmal bei Barbie anzubiedern, mit dem „Blutfahnenbrief“, der von einem Neonazi hätte stammen können (Diese Reliquie der NS-Bewegung müsse an einem sicheren Ort von zuverlässigen Männern aufbewahrt werden). „Aber nur so konnte ich vielleicht doch noch an Mengele herankommen“, rechtfertigt sich Heidemann. Auffällig, wie rasch alte Nazis und SS-Leute Heidemann ihr Vertrauen schenkten und ihm ihre Papiere überließen. Einigen beim stern mißfiel dieser Umgang. Sie neckten den Reporter mit seinem „Nazi-Tick“, erst recht, als er anfing, Andenken und Reliquien des Dritten Reiches zu sammeln.

Er identifiziere sich immer ganz mit der Sache, die ihn gerade beschäftige, erläuterte Heidemann einmal seine Arbeitsweise. Nach dem stern-Fiasko hieß es dann, Heidemann habe tief im Nazi-Sumpf gesteckt. Muß er deswegen schon ein Nazi sein? Nur weil er, auf der Jagd nach Informationen und Entdeckungen, in deren Haut schlüpfte? Gewiß stößt der Sensations-Journalismus hier an seine Grenzen, reicht schon hinein in die Grauzone der V-Männer und Agenten.

Doch war Heidemann keineswegs untypisch für den stern. Hat sich nicht auch der Antifaschist Erich Kuby an Bord der „Carin II“ im trauten Gespräch mit SS-General Wolff photographieren lassen? Hat sich nicht der linke stern-Reporter Kai Hermann in der Maske eines Waffenhändlers oder Nazisympathisanten an Barbie und seine bolivianischen Spießgesellen herangemacht? Henri Nannen, der große Vereinfacher, brachte diese fragwürdige Art des Journalismus auf die Formel: „Nun, wer mit Eskimos reden will, muß wohl nach Grönland gehen.“

Dazu kam Nannens Überzeugung, die sich allen stem-Mitarbeitern durch die Jahrzehnte einprägte, daß man mit Geld fast alles kaufen könne und für die Information des Lesers nichts zu teuer sein dürfe.

Grenzgänger-Journalismus und Scheckbuch-Journalismus – diese Exzesse der Massenmedien-Konkurrenz darf man nicht außer acht lassen, will man verstehen, wie es passieren konnte, daß der stern über neun Millionen Mark für gefälschte Hitler-Tagebücher hinblätterte, wieso die üblichen Kontrollmechanismen in der Redaktion umgangen wurden und warum – so im Mai 1983 der stem-Autor Jürgen Serke in einem empörten Brief an die Gruner+Jahr-Gesellschafter, – der Kreis der Verantwortlichen „in seiner Geilheit jegliche Distanz zu der braunen Jauche vermissen ließ“.

Aber fangen wir von vorne an: Etwa Mitte 1979 kam Heidemann zum erstenmal in Berührung mit jenem süddeutschen Kreis von Militaria- und NS-Devotionaliensammlern, zu denen auch ein „Konrad Fischer“ gehörte, ein DDR-Flüchtling, der sich mit allerlei Jobs durchgeschlagen hatte, auch als Geschäftsführer einer Gebäudereinigungsfirma, die auf den Namen seiner Lebensgefährtin lief. Doch nebenbei entdeckte er das große Geschäft mit der Zeitgeschichte; er sammelte Porzellan, Helme, Uniformen, alte Waffen sowie Hunderte von Bildern und Dokumenten, von denen man heute annehmen muß, daß er sie zumeist selber angefertigt hat.

Einer seiner Hauptabnehmer war jahrelang Fritz Stiefel aus Hegnach bei Waiblingen, Vertreter für Hydraulikarmaturen, der ein nicht unbeträchtliches Vermögen in seine NS-Schätze investierte. Ihm will Kujau 1978 zum erstenmal ein Hitler-Tagebuch gezeigt haben, das er aus Jux (Kujau: „Ein Gag“) von einer alten Chronik abgekupfert hatte. Stiefel erinnert sich indes, daß er diese Kladde schon Ende 1975 aus Kujaus Laden mitgenommen hat. Erst 1979 präsentierte er sie dem Stuttgarter Zeithistoriker und Hitler-Forscher Eberhard Jäckel und dem Münchner Sammler und pensionierten Schulprofessor August Priesack.

Etwa um diese Zeit bekam auch stern-Spürhund Heidemann davon Wind, eher zufällig. Er suchte einen Abnehmer oder einen Mitbesitzer für seine „Carin II“, die ihm gewaltige Kosten verursachte. Über seinen Freund und Trauzeugen Wilhelm Mohnke, einstmals General der Waffen-SS und Verteidiger der Reichskanzlei, wandte er sich an einen Augsburger Sammler namens Tiefenthäler, der für Militärmuseen einkaufte und ihn schließlich an Fritz Stiefel weiterempfahl.

Längst hatte Fischer/Kujau seine Tagebuch-Legende gewoben: Die „heiße Ware“ stamme von seinem Bruder, der Generalmajor bei der Nationalen Volksarmee sei (es aber nur bis zum Gepäckträger bei der Reichsbahn gebracht hat); zuweilen spielte auch ein Schwager „Museumsdirektor“ eine Rolle. Der Fundort sei nahe Dresden, wo im April 1945 ein aus dem belagerten Berlin kommendes Flugzeug abgestürzt sei; Bauern hätten die Dokumente und andere Schätze verwahrt. Fischer/Kujau behauptete in jenen Tagen, von insgesamt 27 Tagebüchern seien schon drei in den Westen geschmuggelt worden; drei befänden sich in den USA.

In Verhören und Interviews stellt Kujau alles so dar, als habe er lediglich ein paar leere Berufsschulkladden aus der DDR im Keller gehabt – für alle Fälle. Die Zahl 27 habe nicht er, sondern der Professor Priesack erfunden. Priesack bestätigt diese Version, freilich mit dem Zusatz, er habe sich bei Fischer/Kujau erkundigt, seit wann denn Hitler Tagebücher geführt habe. Antwort: „seit 1932“. Tatsächlich beginnt die Serie der von Kujau gefälschten Tagebuch-Notizen mit dem 19. November 1932, dem Tag der Reichstagswahl.

Heidemann konnte erst Anfang 1980 in Stiefels Wohnung einen Blick in die 1935er-Kladde werfen. Er war so fasziniert, daß er gleich ganze Passagen auswendig lernte. Schon damals bot er eine Million (bis dahin waren 800 000 Mark die höchste Summe, die der stern je für ein Projekt ausgeworfen hatte). Aber Stiefel wollte nicht den Namen des Lieferanten verraten. Heidemann erzählte in Hamburg vielen Kollegen von seiner Entdeckung, langweilte sie damit aber nur. Er lag damals gerade mit der Chefredaktion überkreuz, die sein Gehalt nicht erhöht hatte, ihm auch keine Nazi-Themen mehr abnehmen wollte.

Ein berühmter Reporterkollege, so erinnert sich Heidemann, habe ihm, als er von den Tagebüchern hörte, aber zugeredet: „Da würde ich sofort kündigen, machen Sie das doch privat, ist doch das Geschäft Ihres Lebens.“ Heidemann erwog, seine Yacht in das Geschäft einzubringen. Zeitweilig hatte er auch einen holländischen Offshore-Millionär an der Hand, einen ehemaligen Waffen-Millionär der ihm den Erwerb der Tagebücher vorfinanzieren wollte. Auch dem Tagebücher britischen Hitler-Forscher, David Irving bot er eine Zusammenarbeit an.

Inzwischen hatte aber Dr. Thomas Walde, der Leiter des Zeitgeschichtlichen Ressorts, dem sich der Reporter Heidemann freiwillig angeschlossen hatte, Mut gemacht, das Unternehmen doch für den stern zu wagen. Er werde ihn schon vor der Chefredaktion abdecken. Unermüdlich versuchte Heidemann, den Namen des Tagebuch-Händlers zu erfahren. Aber Kujau machte sich rar – der stern sei ihm zu links, ließ er wissen. Heidemann entschloß sich, erst einmal die Fundgeschichte nachzurecherchieren. Im November 1980 fuhr er mit Walde nach Börnersdorf in die DDR, wo er die Gräber der gefallenen Flugzeugbesatzung photographierte und ältere Dorfbewohner befragte.

Während Ressortchef Walde annahm, Heidemann werde die Tagebuch-Sache „totrecherchieren“, bewies der Reporter wieder einmal, daß er sich „wie ein Frettchen in ein einmal gestecktes Ziel verbeißt“ (Bild): Er nahm einen neuen Anlauf über Fischer/Kujaus Duzfreund Tiefenthäler und erhöhte das Angebot auf zwei Millionen allein schon für die Kopien der Tagebücher – wohlgemerkt noch ohne Kenntnis des Verlages. Tiefenthäler gab darauf den Namen „Fischer“ preis, und Walde und Heidemann wälzten nachts in der Redaktion alle Telephonbücher von Stuttgart und Umgebung, um den Tagebuch-Lieferanten zu finden. Vergebens, denn der lebte unter der Adresse von Frau Edith Lieblang.

Doch Tiefenthäler, Kujau nennt ihn „Mr. Zehnprozent“, hatte das Angebot eines finanzstarken Hamburger Verlages bereits brieflich weitergeleitet, und was für ein Angebot: zwei Millionen steuerfrei oder, wenn „Conny“ das lieber wolle, auch Gold in unbegrenzten Mengen. Wer sollte da nicht schwach werden! Kujau erfuhr auch gleich, daß der Hamburger Verlag selber das Risiko einer eventuellen Veröffentlichung trage. Die Quelle jedoch falle unter das Redaktionsgeheimnis. Angesichts dieses Briefes fällt es schwer, Kujau die Version abzunehmen, er habe doch nie gewußt, daß Heidemann die Tagebücher im stern veröffentlichen wolle.

Kaum hatte Heidemann von Tiefenthäler die Telephonnummer der „Firma Lieblang“ erfahren, entwarf er bereits auf einem Zettel verschiedene finanzielle Modelle für den Erwerb der Tagebücher, wobei er sogar seine „Carin II“ einsetzte und auch eine saftige Provision für Tiefenthäler einkalkulierte. Aber den würden weder er noch Kujau noch länger brauchen.

Inzwischen war auf dem „Affenfelsen“, dem Verlagshaus an der Alster, die Kugel des Verderbens ins Rollen gekommen. Walde und sein Schulfreund Wilfried Sorge, stellvertretender Verlagsleiter des stern, entschlossen sich, etwas zu tun, was die gerade neuberufenen Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt wohl bis heute nicht verwunden haben: Hinter dem Rücken der Chefredaktion versicherte sich der Ressortchef unmittelbar der Unterstützung des Verlages. Dabei spielte das berechtigte Mißtrauen mit, die Chefredakteure würden ein solches Riesenprojekt von 27 Tagebüchern nicht über eine genügend lange Zeit mittragen wollen, sondern versucht sein, den sensationellen Fund sogleich als stern- Story zu „verbraten“.

In einer Präsentationsmappe verband Heidemann sehr geschickt die von ihm recherchierte Börnersdorfer Fundgeschichte mit den geschäftlichen Konditionen. Für ca. 2 Millionen könne man 27 Tagebücher bekommen, aber auch das Originalmanuskript des 3. Bandes von „Mein Kampf“ und eine von Hitler und dessen Jugendfreund verfaßte Oper „Wieland, der Schmied (Sie hat Kujau bis zuletzt nicht geschafft). An der Echtheit des Materials sei nicht zu zweifeln – ein etwas gewagtes Versprechen. Zum Schluß bot Heidemann an, falls Gruner + Jahr das Risiko zu hoch sei, werde er sich einen Verlag in Amerika suchen, der dann dem stern die Veröffentlichung für Deutschland zusichere,

Dieses sanften Hinweises bedurfte es gar nicht mehr. Kaum hatten die Herren den Gruner+Jahr-Chef Manfred Fischer eingeweiht, da fing dieser auch schon Feuer. Er ließ sich zugleich überzeugen, daß einzig Heidemann den Namen des Lieferanten kennen dürfe, schon um nicht das Leben der in die Schmuggelaffäre verwickelten NVA-Offiziere und Transporteure zu gefährden. Mit der stereotypen Wendung „Menschenleben sind gefährdet wurde dieses Geheimnis bis zum bitteren Ende vor Redaktion und Verlag gewahrt – nicht einmal im fröhlichen Zecherkreise ließ sich Heidemann den Namen entlocken. Auch Walde ließ nie erkennen, daß er den Namen „Konrad Fischer“ kannte. Der Verlagschef wies sogleich als erste Rate 200 000 Mark an. Ein Mitglied des Vorstands mußte sie sofort von der Flughafen-Filiale der Deutschen Bank abheben. Heidemann quittierte, die Geldbündel wurden in Aktentasche und Reisebeutel verstaut – und ab ging die Post nach Stuttgart.

Der gewitzte Reporter hatte noch ein übriges bedacht: Er vermute die Uniform des Reichsmarschalls Göring, eines der Prachtstücke seiner Sammlung, in seinen Koffer, weil er wußte, daß sie dem Händler Konrad Fischer in dessen Sammlung noch fehlte. Und – Kujau hat’s den Bild-Lesern, der Stiegel-Gemeinde und der deutschen Fernsehnation genüßlich kundgetan – die Uniform war es, die ihn scharf machte, als Heidemann ihn am 27. Januar abends in seiner Ditzinger Wohnung aufsuchte. Die beiden wurden handelseinig, aber erst am nächsten Vormittag.

Was da im einzelnen besprochen wurde, darüber gehen die Aussagen der drei Angeklagten noch weit auseinander. Heidemann wollte unbedingt den bei Stiefel im Tresor liegenden Halbjahresband 1935 haben und bot dafür 150 000 Mark. Kujau fingierte ein Gespräch mit Stiefel der, natürlich, nicht erreichbar war. Kujau soll leise angedeutet haben, in Amerika wolle man für alle Tagebücher zusammen sogar zwei Millionen Dollar bieten. Drei Tagebücher lägen noch bei seinem Rechtsanwalt im Safe (der Anwalt soll dies Heidemann bestätigt haben). So mußte der Reporter mit fast leeren Händen wieder abziehen. Immerhin schenkte ihm sein Gastgeber ein kleines Hitler-Ölgemälde (vermutlich einen echten Kujau!), und Heidemann ließ erst mal Görings Uniform da.

Die Staatsanwaltschaft findet es merkwürdig, daß Heidemann nicht das Türschild „Lieblang/Kujau“ aufgefallen sei. Der Reporter hält dagegen, es sei dunkel gewesen, und er habe seine Brille nicht aufgehabt. Alle Welt habe Kujau unter dem Namen Fischer gekannt; auch am Telephon habe er sich so gemeldet oder mit „Lieblang“. Etliche Tonbänder belegen es. Als nach dem Debakel im Mai 1983 die Rechercheure des stern ausschwirrten, fanden sie schon binnen weniger Stunden den richtigen Namen heraus.

Mitte Februar 1981 war es dann soweit: Heidemann konnte dem Gruner+Jahr-Chef Fischer die erste Hitler-Kladde überreichen. Fischer hat später beschrieben, welch sinnliche Erfahrung dieser Moment für ihn war. Von nun an muß so etwas wie ein Kollektivrausch über die paar Eingeweihten gekommen sein. Wer immer in den angeblichen Tagebüchern blätterte, vermeinte die Handschrift Hitlers vor sich zu sehen. Zuweilen entzifferte jemand geradezu wollüstig die hingekritzelten Notizen und las sie im gepreßten Tonfall Hitlers den anderen vor.

Die unsägliche Banalität und Eintönigkeit der Notizen störte niemanden, im Gegenteil, sie schien gerade für die Authentizität zu sprechen. Auch machte es keinen stutzig, daß sich der Diktator zwölf Jahre lang mit Kunstleder billigster Sorte begnügt haben sollte und partout auf liniertem Papier schrieb. Allenfalls sinnierte man über das schlechte Aussehen einiger Kladden (Kujau hatte sie mit Tee übergossen, um sie altern zu lashatte Vielleicht hatte man die irgendwo im Feuchten gelagert?

Da die wenigsten überhaupt noch die deutsche Sütterlin-Schrift lesen konnten, merkten sie auch die oft zu üppig eingestreuten Rechtschreibverstöße nicht. Selbst unglaubliche Schreibfehler auf den mit Schreibmaschine verfaßten Begleitzetteln fielen keinem auf: Bereits beim ersten Buch von 1932 heißt es „Bücher sind Eigentum der Führers“ (Welche Kanzlei hätte das durchgehen lassen?), und die Unterschrift lautete „STELLVERTRETER DES FUEHRERS“ – damals hatten aber alle Schreibmaschinen noch das große Ü.

Seit Februar 1981 beschaffte Heidemann in schöner Regelmäßigkeit – von gelegentlichen Schreibpausen oder -krämpfen Kujaus einmal abgesehen – neue Tagebücher. Es blieb nicht bei den anvisierten 27. Kujau hatte dafür eine plausible Erklärung: Die Jahre seit 1938 und erst recht seit Kriegsausbruch wurden so ereignisreich, daß Hitler mit einem Halbjahresband nicht mehr auskam.

Auch der Stückpreis stieg allmählich, von zunächst 85 000 auf 100 000 Mark ab Band 12; fünfzehn Bücher wurden dann sogar zu je 200 000 angeschafft; ab Band 33 sank der Preis wieder auf 150 000. Angeblich waren zuviele Offiziere in die Affäre verwickelt; auch die Transporteure brauchten ihren Anteil; überhaupt wurden die Forderungen auf der anderen Seite hochgeschraubt. Kujau konnte herrlich fabulieren, wie sich die korrupten Funktionäre für stern-Gelder ihre Datschen am Plattensee bauten. Beim stern freute man sich schon darauf, eines Tages mal die Geschichte von diesen „stern-Reihenhaussiedlungen“ erzählen zu können.

Wie selbstverständlich akzeptierte der Verlag, daß der unbekannte Empfänger in Stuttgart das stern-Geld – manchmal eine Million in bar – unquittiert empfing, von dem er gewiß einen Großteil als Provision für sich behalte. Heidemann hat wohl versucht, die Beschaffung selber in die Hand zu bekommen – man hätte die Bücher, statt sie umständlich mit „Klaviertransporten“ über die Grenze zu bringen, doch viel bequemer und leichter über Ostberlin einführen können. Doch Kujau ließ sich wohlweislich nicht darauf ein.

Dennoch brachte Heidemann abenteuerliche Geschichten in Umlauf. Er selber habe mehrmals unter Lebensgefahr Kladden aus der DDR geholt: Geld-Buch-Tausch durch das Fenster eines vorbeifahrenden „Trabant“ auf der Transitstrecke nach Berlin, Kladden unter der Fußmatte. Sogar seinem Ressortchef Walde band er dieses Märchen auf. Die Begründung: Er habe ihn nicht in Gewissenskonflikte bringen wollen.

Das durchtriebene Spiel hatte einen steuertechnischen Hintergrund. Der Verlag konnte nicht jahrelang Millionenausgaben ohne Gegenleistung in den Büchern stehen lassen – irgendwann würde Beschaffer Heidemann vor der Hamburger Finanzbehörde auf seinen Eid nehmen müssen, daß er das Geld tatsächlich in die DDR abgeführt habe. Zeitweilig erwogen Heidemann und Walde, ob man zu diesem Zwecke nicht einmal einen Geld-Buch-Tausch in einer Westberliner U-Bahn vornehmen könne, dort, wo sie DDR-Territorium unterquere. Dazu hätte Kujau eigens nach Berlin fahren müssen. Was Wunder, daß die Steuerfahndung nun bei Kujau Millionen unversteuerter Einnahmen vermutet.

Kujaus Verteidigungsstrategie zeichnet sich deutlich ab: Er habe sich nur einen Spaß gemacht, das Nachahmen von Handschriften falle ihm so leicht, es juckte ihm eben in den Fingern. Wenn andere so dumm seien, auf seine Scherzartikel hereinzufallen oder gar noch dafür Honorar zu zahlen, so seien sie selber schuld.

An Kujaus massive Beschuldigung gegen Heidemann, der habe von Anfang an oder doch sehr früh das Spiel durchschaut, mit ihm unter einer Decke gesteckt, ihm sogar Bücher und Kladden ins Haus gebracht und auch Wünsche für den Inhalt angemeldet, ja ihm manchmal geradezu Befehle erteilt – das zu beweisen, wird ihm nicht leicht fallen. In der Anklageschrift finden sich nur ein paar Indizien dafür, daß Heidemann die Fälschung billigend in Kauf genommen habe.

Besonders frappierend erscheint der Anklage der Fall Jäckel. Der Stuttgarter Historiker hatte für das von ihm und seinem Kollegen Kuhn herausgegebene Werk über die Frühschriften Hitlers bis 1924 auch Stücke aus der Sammlung Stiefel erworben, vornehmlich solche, die mit einem Begleitschreiben der Reichsleitung der NSDAP versehen waren: Zettel aus Kujaus Fälscherwerkstatt. Im Vorwort ist sogar von „besonders wertvollen Schriftstücken“ und von fünfzig „teils besonders aufschlußreichen“ Dokumenten aus Privatbesitz die Rede. Es waren kitschige Kriegsgedichte darunter, die Hitler entweder selber verfaßt oder nach Vorlagen abgeschrieben haben sollte. Der stern hat 1980 daraus „Gereimtes vom Gefreiten H.“ abgedruckt und den Lyriker Peter Rühmkorf auf den Verfasser tippen lassen. Er vermutete einen „literatischen Triebtäter mit relativ niedrigem Bildungsniveau“ am Werk. Gut erkannt – nur war es eben nicht Hitler, sondern sein Imitator Kujau.

Bald nach Erscheinen des Jäckelchen Buches entdeckte der Archivar Anton Hoch vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, daß eins der Gedichte, „Der Kamerad“ („Wenn einer von uns müde wird, der andere für ihn wacht“) erst 1936 von dem Nazidichter Hervbert Menzel verfaßt worden war, also unmöglich schon dem Landser Hitler im Ersten Weltkrieg bekannt gewesen sein konnte. Jäckel erließ sofort eine öffentliche Warnung: ein paar Stücke aus dem Privatbestand seien gefälscht, andere zweifelhaft.

An der Alster schreckte man hoch: Heidemann ließ sich in München Kopien der dort deponierten fragwürdigen Abschriften besorgen. Einiges schien echt, anderes falsch zu sein. Da hatte Ressortleiter Walde einen famosen Einfall: Heidemann solle Fischer/Kujau fragen, ob die Stücke aus seiner Sammlung stammten. Natürlich verneinte Kujau, und Heidemann atmete auf: „Na, dann ist es ja gut!“

Kujau schob vorsichtshalber ein originelles Dementi nach: ein Gutachten des Chefgraphologen der DDR an seinen Bruder, den „Generalmajor Fischer“ (der Name geschwärzt), wonach alle 18 Stücke für echt befunden worden seien. Außerdem gebe es für echt befunden worden seien. Außerdem gebe es für das Menzel-Gedicht bereits eine Vorlage aus dem Krieg von Anno 1870.

Erst vor einigen Wochen mußte Jäckel in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte zugeben, daß nach Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft 76 von ihm edierte Stücke aus der Sammlung Stiefel gefälscht sind. Jäckel hatte seinerzeit zwar einige Originale dem Bundeskriminalamt zur Prüfung überlassen – vielleicht wäre der stern vor dem Schlimmsten bewahrt worden, hätte das BKA sich mit seiner Expertise nicht zwei Jahre Zeit gelassen! Sie kam erst im Sommer 1983 heraus – da war es für den stern und für Heidemann schon zu spät.

Laut Anklageschrift hatte sich Heidemann auch nicht beirren lassen, wenn er von dritter Seite auf Fehler in den Tagebüchern hingewiesen wurde. Zum Beispiel hatte General Mohnke im 33er Band falsche Daten über Hitlers Leibstandarte gefunden. Heidemann hat sie wohl erwogen, freilich – mit dem Eifer des stolzen Entdeckers – nach Argumenten gesucht, die vielleicht doch für die Echtheit sprächen. Warum sollte sich nicht ein Tagebuchschreiber auch mal irren? Schließlich werde man alles genau prüfen, sobald der ganze Bestand vorliege. Es spricht für Heidemann, daß er schon frühzeitig einen Bekannten gebeten hatte, im amerikanischen „Document Center“ in Berlin allen Hinweisen nachzugehen, welche eine Existenz von Hitlerschen Tagebüchern belegen könnten. Hunderte von Filmrollen bestellte er beim Nationalarchiv in Washington – für eine Inhaltsprüfung, die nie stattfand.

Das zeitgeschichtliche Ressort des stern war nämlich schlicht überfordert. Unter den drei Mitgliedern gab es keinen einzigen ausgebildeten Zeithistoriker: der Ressortleiter war Politologe mit dem Spezialgebiet Nachrichtendienst; der zweite Redakteur hatte über die Bauernkriege gearbeitet; Heidemann war ein Laie, und er wußte noch am meisten über die Hitler-Zeit.

Das Team wurde erst ziemlich spät von sonstigen redaktionellen Arbeiten freigestellt. Aber auch dann lasen die Redakteure nicht die Tagebücher, sondern konzentrierten sich darauf, ein Buch über Rudolf Heß zu schreiben, worin die Erkenntnisse aus einem von Kujau zusammengestoppelten Heß-Sonderband (mit zwei Siegeln!) verwertet werden sollten. Jeder der drei hatte einen Autorenvertrag mit dem stern-Buchverlag; erst auf Drängen der Chefredaktion wurde dann aus dem Buchmanuskript auch eine stern- Serie gefertigt, von der nur der erste Teil noch die Leser erreicht hat.

Die Chefredaktion wurde erst im Mai 1981 vom Tagebuch-Projekt informiert (notgedrungen, weil nach dem Papstattentat der Reporter Heidemann unabkömmlich war – er mußte wieder einmal nach Stuttgart). Die Chefredakteure kümmerten sich zunächst wenig um die Kladden. Doch allmählich drängten sie auf die Echtheitsprüfung; vielleicht, solle man fachkundige Publizisten wie Joachim Fest und Sebastian Haffner hinzuziehen. Aber siehe da: der Verlag hatte dem Ressortleiter vertraglich zugesichert, daß niemand ohne seine Zustimmung berufen werden dürfe. Irgendwann sind anscheinend doch noch zwei jüngere Historiker dem Sonderunternehmen „Grünes Gewölbe“ attachiert worden – sie haben sicherlich nichts dagegen, daß ihre Namen unbekannt geblieben sind.

Als selbst internationale Koryphäen wie der britische Historiker Hugh Trevor-Roper und sein amerikanischer Kollege Gerhard Weinberg nach ein paar Stunden Prüfung im Tresorraum einer Zürcher Bank die vermeintlichen Tagebücher für echt befanden, und als das Bundesarchiv mit dem Beschaffer Gerd Heidemann einen seriösen Vertrag abschloß, der dem Koblenzer Amt Auswertung und Besitz der Tagebücher zusicherte – da gab es auch in der Redaktion kein Halten mehr: Nun müsse die Geschichte des Dritten Reiches und die Biographie des Diktators neu geschrieben werden. Dem Chefredakteur Schmidt, von Haus aus ein Musikexperte, gelang es wenigstens noch in letzter Minute, diesen gewaltigen Satz durch die Einfügung „in großen Teilen“ zu relativieren. Auch so las es sich noch schlimm.

Und was war aus den guten Vorsätzen des für das Thema Hitler verantwortlichen Chefredakteurs Koch geworden, auf jeder Doppelseite der Tagebuch-Premiere die Opfer des NS-Regimes zu zeigen? Stattdessen eine Aufmachung bei der jedem Nazi nur das Herz lachen konnte. „Grüß Gott, lieber Führer Adolf Hitler“, höhnte Springers Welt.

Es war schon eine schmachvolle Stunde des deutschen Nachkriegsjournalismus. Daß gerade dem liberalen stern, der soviel zur Aufklärung über die NS-Verbrechen beigetragen hatte, jetzt alle Maßstäbe verloren gingen und braunes Gedankengut unkommentiert mit gewaltiger Auflage unters Volk gebracht werden durfte, läßt auf mangelnde Prinzipientreue, fehlendes Geschichtsbewußtsein und fehlendes staatspolitisches Verantwortungsgefühl schließen. Nur zu einem Teil ist es aus jener hochneurotischen Atmosphäre zu erklären, in der sich die Verantwortlichen zuletzt bewegten, so daß sich eine Bunker-Gesinnung entwickelte, die an die letzten Tage der Reichskanzlei erinnerte: „Und wir siegen doch“.

Von Heidemann jedenfalls stammte der Satz von der umzuschreibenden Geschichte nicht. Er hatte mit der redaktionellen Bearbeitung nichts zu tun – er war nur der Beschaffer. Aber unverkennbar hatte in den letzten Monaten auch ihn die Euphorie gepackt. Hatte er nicht eine erstklassige Geschichtsquelle erschlossen? Auch ohne inhaltliche Prüfung war er überzeugt, Hitler im Originalton vor sich zu haben. Ihm genügten einige merkwürdige Einzelheiten, die er aus den Erzählungen seiner Nazifreunde und anderer Überlebender des Hitlerschen Hofstaates kannte und die niemand anders wissen konnte. In den Kladden fand er sie bestätigt.

Aber wo kann Kujau dies, erfahren haben? Er renommiert neuerdings mit seinen Literaturkenntnissen und mit den Notizen, die er sich nach vielen Gesprächen mit einstigen Mitarbeitern Hitlers gemacht haben will. Als Militaria-Händler hat er sicherlich genug Leute kennengelernt; aber auch immer die richtigen? Woher hat er die geheimen Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt Morell? David Irving, der sein Buch mit den Tagebuchnotizen Dr. Morells erst veröffentlicht hat, als Kujau schon hinter schwedischen Gardinen saß, hat da seine Zweifel. Er kann sich vorstellen, daß Kujau nicht Geheimpapiere auf dem Schreibtisch liegen hatte, sondern ein früheres Buch über Hitlers Krankheiten benutzte.

Heidemann erzählt eine andere Geschichte, die, wenn sie sich so zugetragen hat (Kujau wird es leidenschaftlich bestreiten), den Verdacht nährt, daß Kujau kein Einzeltäter ist, sondern Hintermänner hat. Im Dezember 1982 berichtete Heidemann Kujau von seinen Kontakten zu einer Gruppe alter Nazis, die sich um einen angeblich noch lebenden Martin Bormann (Hitlers rechte Hand) scharen soll. Einen Monat später kam Kujau mit der Neuigkeit, sein Bruder Generalmajor habe in der DDR Hitlers goldenes Parteiabzeichen mit Brillanten gefunden, daß der „Führer“ angeblich bei Kriegsende seinem getreuen Bormann übergeben habe. Heidemann solle doch mal über seinen Mittelsmann bei „Martin“ in Zürich nachfragen. Aus Zürich kommt die Bestätigung, Hitler habe dem Reichsleiter in der Tat diesen Orden noch im Bunker angeheftet. Und siehe da: In Hitlers angeblich letztem Tagebuch findet Heidemann die Eintragung von der Verleihung eines „Parteiabzeichens mit Steinen“ an Bormann.

Hier nun ist es an der Zeit, von der mysteriösen Bormann-Affäre zu berichten, und hier kommt der undurchsichtige Waffenhändler Medard Klapper ins Spiel. Klapper, nach eigenen Angaben 1944 als 17jähriger freiwillig in die Waffen-SS eingetreten, will bis kurz vor der Kapitulation im Führerbegleitbataillon gewesen sein. Er hat als V-Mann für das Bundeskriminalamt und andere Behörden offensichtlich „hervorragende Arbeit“ geleistet: Waffenschieber und Rauschgifthändler zur Strecke gebracht, gestohlene Gemälde aus Sanssouci wieder aufgetrieben, wichtige Informationen geliefert. Heidemann lernte ihn kennen, als er 1977 eine MAD-Panne im Waffengeschäft rekonstruieren mußte.

Im Jahre 1981 machte Klapper von sich reden, als er mit Hilfe des Ostberliner Star-Anwalts Kaul den DDR-Behörden Skizzen über einen vergrabenen Porzellanschatz aus dem Besitz Hermann Görings zuspielte, dann aber, nach der Ausgrabung, leer ausging. Ein Spiegel-Bericht veranlaßte Heidemann, Klapper nach anderen Schatzplänen zu fraen. Die beiden schlossen einen Vertrag, der Heidemann zu Verhandlungen mit der DDR über dort vergrabene Schätze ermächtigte. Der Finderlohn sollte zwischen ihnen und dem „Informanten“ aufgeteilt werden. Tatsächlich hat Heidemann im märkischen Stolpsee nach Göring-Schätzen gesucht, unterstützt von Pionieren der Volksarmee, freilich ohne Erfolg.

Im nächsten Jahr kam Klapper mit einer anderen Neuigkeit. Es gebe in Madrid ein geheimes Depot mit Nazi-Dokumenten – angeblich sollte daraus hervorgehen, daß die drei ersten Atombomben von den Deutschen gebaut und 1945 von den Amerikanern erbeutet wurden. Die Aussicht, an solche Papiere heranzukommen, war dem stern einen Optionsvertrag wert, worin er sich verpflichten mußte, die ausgewählten Dokumente weder durch Hinzufügen noch Kürzen zu verändern. Finanzielle Forderungen wurden nicht erhoben. Unterzeichnet ist dieser Vertrag von Ressortleiter Walde, dem stellvertretenden Verlagsleiter Sorge und Heidemann, außerdem im Auftrage der Madrider Nazi-Gruppe von einem Rechtsanwalt I(E)quisibal, dessen Adresse sich später nicht ermitteln ließ. Klapper schloß einen Extra-Vertrag mit Heidemann, der ihn an den Lizenzerlösen und Honoraren beteiligte.

Irgendwann 1982 will Klapper in Spanien den alten Bormann kennengelernt haben. Bormann, in Nürnberg 1946 in absentia zum Tode verurteilt, sollte den Krieg überlebt haben und wurde in Südamerika vermutet. Doch 1972 konnte die Staatsanwaltschaft die Akte schließen: in Berlin wurde der Schädel Bormanns gefunden; der stern, maßgeblich an der Suche beteiligt, erklärte Bormann für tot.

Heidemann erhielt von Klapper, gegen Bezahlung, ein paar Polaroidphotos, auf denen ein älterer Herr mit Baskenmütze Bormann mimt. Der stern-Reporter scheint eine Zeitlang an den Spuk geglaubt zu haben. Seine Kollegen machten sich deshalb schon über ihn lustig. Anderseits taugte die „Martin“-Story vortrefflich, die Tagebuchvorbereitungen zu vertuschen. Graphiker des stern schwören Stein und Bein, Heidemann habe, als die Hitler-Sondernummer ausgelegt war, zum Telephonhörer gegriffen: „Martin, wir haben zwölf Doppelseiten.

Wie dem auch sei, Heidemann hat immer wieder versucht, die Identität des angeblichen „Martin“ zu klären, der sich abwechselnd in Südamerika, Spanien und der Schweiz aufhalten sollte. Nie kam das geplante Treffen zustande. Auch schlugen einige Tricks fehl, ein paar Fingerabdrücke von „Martin“ zu ergattern.

Den endgültigen Beweis vermeinte Heidemann in der Hand zu haben, als ihm Klapper im Januar 1983 in München Originalpapiere aus der Stammrolle eines ehemaligen SS-Offiziers hinterhertrug, die er Bormann von seinem Schreibtisch in Madrid gestohlen haben will. Die Stern-Redakteure hatten nämlich in dem Heß-Sonderband den Namen eines SS-Führers aus dem Stab des Führer-Stellvertreters nicht entziffern können. (Kujau hatte ihn aus einem Jahrbuch der Partei entnommen.) Schließlich half das „Document Center“ in Berlin aus, das aber nur Kopien über den Mann besaß.

Mittlerweile hat sich bei der Polizei ein Sporttaucher und Sammler gemeldet, der eben jene Papiere Klapper zugeschanzt hat, was dieser bestreitet. Allerdings waren sie noch in einem vollständigen Hefter; sie stammten von einem Trödler, der sie wiederum in Baden-Baden bei einer Wohnungsauflösung in Kisten entdeckte, die allerlei Material aus dem Dritten Reich enthielten. Darunter waren auch Kriegstagebücher – sie soll ein ehemaliger Offizier aus Stuttgart erworben haben. Aus Stuttgart? Und wenn man dann hört, daß Kujau noch im April 1983 Heidemann einen Packen – ausnahmsweise echter – SD-Papiere geschickt hat, wird das Puzzlespiel noch verwirrender.

Die Polizei freilich hält nicht viel von der These, Heidemann sei von ehemaligen SS-Kameraden in ein feingesponnenes Netz gelockt worden, indem sie ihm Görings Gold- und Kunstschätze, einen lebenden Bormann und die Hitler-Tagebücher vorgaukelten. Auch der Verfassungsschutz verneint die Möglichkeit, daß etwas noch die Hiag, einen in den fünfziger Jahren von allen Parteien geförderte Hilfsorganisation einstiger Soldaten der Waffen-SS, Sammelbecken einer nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung werden könnte. Auch fehle es den Neonazis an der intellektuellen Kraft, ein neues Hitler-Bild zu entwerfen und zu verbreiten.

Dennoch ist schon in den wenigen Fetzen, die der stern im letzten Jahr aus den gefälschten Tagebüchern veröffentlichte, die Tendenz zur Verharmlosung des Dritten – Reiches und vor allem Hitlers unverkennbar. War es Zufall, daß SS-General Wolff, der mit Heidemann so eng zusammengearbeitet hatte, nach der ersten Veröffentlichung der Tagebücher den Wiener Reporter Michael Siegert beschwatzen wollte, es gebe keinen Befehl Hitlers zur Endlösung der Judenfrage?

Was es aber gab, war eine von Kujau gefälschte Lose-Blatt-Studie Hitlers, worin eine „humane“ Endlösung vorgeschlagen wird: Die Juden sollten, getrennt nach Geschlechtern, in Sibirien angesiedelt werden. Angeblich hat Heydrich im kleinsten Kreis solche Gedanken geäußert. Heidemann hat diese Blätter privat erworben. Wiederum: Woher hat Kujau dies gewußt?

Gab es Anstifter, Gehilfen, Mittäter bei der großen Fälschung? Hat ihm eine Druckerei zugearbeitet? Woher hat er die Uniformen von Hitler, Himmler, Heydrich, Lutze (wenn sie denn echt sind)? An welchen Originalhandschriften Hitlers hat er sich orientiert? Vielleicht hülfe eine quellenkritische Untersuchung aller 62 Tagebücher weiter.

Das von einer Staatsanwaltschaft zu verlangen, wäre wohl zuviel. Sie hatte anscheinend noch nicht einmal Zeit oder Personal, um sich einigermaßen mit dem Umfeld Heidemanns und Kujaus vertraut zu machen. So ist denn in der Anklageschrift von einer Person namens Günsche die Rede, obschon es sich um Hitlers SS-Adjutanten handelt, der immerhin als einer der ersten die Tagebücher sehen durfte und öfters von Heidemann um Rat gefragt wurde.

Stattdessen hielt sich die Anklage lieber an Näherliegendes: an den finanziellen Hintergrund der Affäre. Sie hat in Heidemanns Verhältnissen, gleichlaufend mit der Tagebuch-Beschaffung, eine Vermögensexplosion festgestellt, die nicht aus seinem Gehalt und auch nicht mit der vom Verlag gezahlten 1,5 Millionen-Prämie zu erklären sei. Also vermutet die Anklagebehörde, Heidemann habe einen großen Teil des stern-Geldes beiseitegeschafft. Mehr als 1,7 Millionen Mark Ausgaben könne der Angeklagte nicht glaubhaft belegen.

Nun muß man freilich festhalten, daß Heidemann seinen neuen Wohlstand nicht klammheimlich, sondern vor aller Augen genossen hat. Jedem, der wollte, zeigte er seine Militaria und Devotionalien aus dem Dritten Reich in der Pöseldorfer Galerie. Jeder im stern wußte von den teuren Wohnungen an der Elbchaussee, dem kostspieligen Bildarchiv, den Häusern in Spanien. Man witzelte, wenn man dem Heidemann eine Mark auf die Hand gebe, werfe er sie schon zum Fenster hinaus.

Selbst wer unterstellte, der Reporter, den man so generös mit Millionen hantieren ließ, sei nicht gegen alle Versuchungen gefeit gewesen – was spielte das noch für eine Rolle bei diesem Projekt, mögen die Zweifler gedacht haben. Hatten nicht allem die Amerikaner schon 3,75 Millionen Dollar für die Hitler-Rechte geboten, und wollte Gruner+Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen, der Nachfolger Fischers, den Preis nicht noch höher treiben? Wer hätte es denn überhaupt wagen dürfen, einem altgedienten Mitarbeiter, der mit der Verlagsspitze nur noch „von Gerd zu Gerd“ verkehrte, nachzuspionieren? Selbst Nannen nicht.

Die Staatsanwaltschaft fand es bezeichnend, daß in den bei Heidemann gefundenen Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Kujau nie von Geld geredet wird. Es gibt jedoch einige, wo just dies geschieht und aus denen ersichtlich wird, daß Heidemann genau jene Beträge bei Kujau ablieferte, die er zuvor beim stern quittiert hatte. Das hört sich dann so an: „Für zwei Bücher und fünfzig für das andere Zeug da – hier, da.“ Darauf Kujau, der offensichtlich die Geldbündel annimmt, im schönsten Sächsisch: „Hundertfuffzisch und das sind zweehundert.“ Käufer Heidemann: Ja. Zähl mal nach...“ Bei dieser Gelegenheit wechselten nur mal eben 350 000 Mark ihren Besitzer.

Etwa 2,2 Millionen Mark will Heidemann von vier NS-Devotionalienhändlern erhalten haben, teils für Bilder- und Dokumentenverkäufe, teils als Vorschuß auf die Schatzerlöse, die sich Heidemann erhoffte, nachdem er von Klapper und einem anderen einstigen SS-Mann Fundortsskizzen bekommen hatte. Die Namen dieser Geldgeber mag der Angeklagte nicht nennen, da er innen Vertraulichkeit zugesichert hat und ihnen öffentliche Bloßstellung, wohl auch die Steuerfahndung ersparen möchte. Eigentlich läge es ja an der Staatsanwaltschaft, die Beweise zu ermitteln.

Im Vergleich zu seinem Mitangeklagten Kujau hat Heidemann es wesentlich schwerer. Kujau mit seinem frechen Witz hat das Volk und die Strafverfolgungsbehörde bei Laune gehalten. Seine Version findet Anklang – die Leser und Fernsehzuschauer kennen ja nicht die widersprüchlichen Geständnisse des Angeklagten. Er ist ein amüsanter Angeklagter, dem man nicht böse sein kann.

Heidemann hingegen ist vom Tage seiner Verhaftung an vorverurteilt worden. Etwa nach der Devise: Wer nach Tagebüchern Hitlers sucht und dann auch noch das Geld mit beiden Händen ausgibt, ist entweder ein Betrüger oder so dumm, daß er schon deswegen bestraft werden müßte. Fast kein Journalist hat für den Kollegen Partei ergriffen oder die ungebührlich lange Untersuchungshaft beklagt. Zweimal hat ihn der Haftrichter auf freien Fuß gesetzt, jedesmal wurde er wieder verhaftet, mit nicht allzu überzeugenden Gründen.

Einem Skandal kommt die Behandlung gleich, die ihm jetzt widerfahren ist. Die Verteidiger brauchten viel Zeit, um auf die Anklageschrift antworten zu können, da man ihnen eine Reihe von Beweismitteln vorenthalten hatte. Und als sie ihre Schutzschrift fertig hatten – sie war der Großen Strafkammer 11 bereits angekündigt – ‚ eröffneten die Richter vor deren Eingang rasch noch das Verfahren. Wo bleibt da der Anspruch auf rechtliches Gehör? Und kann man da noch einen fairen Prozeß erwarten?