Von Claus D. Kernig

Die Sowjetunion steuert auf einen kritischen Punkt ihrer Entwicklung zu. Militärische Macht und ökonomische Krise des Landes sind nicht nur gekoppelt, sondern erreichen nahezu im gleichen Moment ihren Höhepunkt. Niemand wird umhin können, diese Kombination bedenklich zu finden. Umso erstaunlicher ist es, daß die westliche Welt diesem Zeitpunkt mit einer nicht minder bedenklichen Konfusion ihrer politischen Konzepte entgegengeht.

Die westliche Welt hat sich volle drei Jahrzehnte in dem politisch-strategischen Vorteil befunden, in erster Linie Akteur zu sein und der Sowjetunion die Rolle des Reagierenden zuzuschieben. In der Zeit der Strategie der „massiven Vergeltung“, als die Politik des dicken Knüppels galt, war es der Sowjetunion aufgegeben, zunächst einmal bei den Massenvernichtungswaffen aufzuholen. Sie hat es geschafft. Der Westen ging danach zur Strategie der „flexible response“ über. Aus dem dicken Knüppel wurden Rutenbündel. Von den verfeinerten Gefechtsfeldwaffen, den taktischen Atomwaffen bis hin zu den Wasserstoffbomben wurde ein Fächer von Einsatzmitteln und Trägern entwickelt, der – wie es schien – gleichermaßen einer kalkulierbaren Eskalation wie deren Einhalt dienen sollte. Die Sowjetunion hatte hart zu arbeiten, um sich dem anzugleichen. Sie hat es geschafft.

Eine in der zweiten Strategie enthaltene Unterstrategie wurde im Westen von der Elektronik-Industrie getragen. Der Einzug der Elektronik in die Streitkräfte, die militärische Computer-Revolution, hat der Sowjetunion nicht wenige Probleme aufgegeben. Das Mißlingen der Koppelungsmanöver von Weltraumflugkörpern machte das jahrelang geradezu plakativ deutlich. Aber es gelang Moskau, auch hierin gleichzuziehen. Nur hat das die eigentlichen Opfer von ihr, verlangt. Die Entwicklung der Speerspitze behielt den Vorrang vor der Breitensättigung; Die Schmiede glühte, die Küche hatte kein Feuer. Mit anderen Worten: Die Rüstungsindustrie ist zur Schlüsselindustrie geworden; die Zivilindustrie hinkt wie die Landwirtschaft hinter der Entwicklung her. Die militärische Supermacht Sowjetunion ist ökonomisch eine zweitklassige Nation geblieben.

Dennoch ist es Moskau im Rahmen der zweiten Strategie gelungen, für sich selbst einen Vorteil zu entdecken, der das atlantische Bündnis mindestens ebenso unter Druck gesetzt hat, wie umgekehrt der Vorsprung des Westens in der militärischen Computer-Revolution die Sowjetunion beunruhigte. Moskau spürte eine Lücke im Fächer der westlichen Arsenale auf. Diese Lücke bestand im Fehlen eines westlichen Mittelstreckenraketen-Potentials. Die Sowjetunion hat das Arsenal zwischen den taktisch-atomaren Gefechtsfeldwaffen und den strategisch-interkontinentalen Waffen aus ihrer Sicht sinnvoll ausgebaut. Es ist ihr gelungen, den Westen auf diesem Gebiet zu übertreffen.

Die Sowjetunion hatte zum Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre das deutliche Verlangen, das innere Ungleichgewicht von militärischer Stärke und ökonomischer Schwäche abzubauen, wenn nicht auszugleichen. Selbstredend wollte sie die Korrektur durch eine Verbesserung der Ökonomie vornehmen. Es sollte also nicht die militärische Stärke reduziert, sondern die ökonomische forciert werden. Das war der Grund, warum sie sich ökonomisch, zum Teil auch politisch, vor allem deutschlandpolitisch dem Westen weiter geöffnet hat. Es ging ihr schlicht um westliche Technologie, die der Wirtschaft auf die Beine helfen sollte. Aus dem Blickwinkel Moskaus war das verständlich.

Der Westen hat zwar die Entspannung laut gepriesen, aber den Handel nur bedingt geöffnet. Er hat ihn überall dort dirigiert und blockiert, wo ihm schien, er könne militärisch-strategische Bedeutung annehmen. Die Cocom-Liste der „sensitiven Güter“ war der Ausdruck dieser Haltung. Nun hat aber die Sowjetunion, wie man sieht, auch ohne die sensitiven Produkte nicht nur gleichgezogen, sondern uns an Flexibilität überboten und mit einer allgemeinen Hochrüstung überrascht. Wenn Cocom seiner Zielsetzung entsprechend funktioniert hat, ist der Beweis erbracht, daß die Sowjetunion für ihre strategischen Zwecke den Westen nicht brauchte. Sie hat alles Strategische auf eigene Kosten bestritten.