Mit seiner Rede vor dem Straßburger Parisent hat François Mitterrand dem matten Europa-Wahlkampf noch einmal Auftrieb gegeben. Sein Plädoyer für die Europäische Union, seine Forderungen nach Rückkehr zu Mehrheitsentscheidungen in den Ministerräten wie zu mehr industrieller, kultureller und politischer Zusammenarbeit werden die Herzen vieler Wähler höher schlagen lassen. Setzt sich Frankreich jetzt – in engem Einvernehmen mit der Bonner Bundesregierung – an die Spitze der europäischen Bewegung?

In die Freude über den Vorstoß des Staatspräsidenten mischt sich Skepsis. Zu oft haben gerade die Franzosen den Einigungsprozeß gebremst, zu oft nationale über europäische Interessen gestellt. Dennoch verdient Mitterrands Initiative repektvolle Aufmerksamkeit. Sie entspricht der Erkenntnis eines Mannes, der inzwischen wohl weiß, daß das Europa der Solisten auf Dauer keine Überlebenschance hat.

Nun kommt es darauf an, die hehren Worte in Taten umzusetzen. Gegen den offenen Widerstand der Briten, Dänen und Griechen, aber auch gegen die camouflierte Kleinmütigkeit der übrigen EG-Mitglieder. Bei der Parlamentswahl wird das Europa-Bekenntnis dem Präsidenten zu Hause gewiß als mutiges Versprechen honoriert werden. Beim Zehner-Gipfel direkt danach muß er allen Europäern beweisen, wie er es einlösen will. D. B.