In dem steilen, überwucherten Tal östlich von Düsseldorf stehen sich bis Ende Juli zwei ungewöhnliche Nachbarn gegenüber. Seit 1980 lebt der Wasserplastiker und Ursprungstheoretiker Klaus Rinke in einem umgebauten Industriegebäude in Haan; wenige Kilometer entfernt wurden vor mehr als 100 Jahren die Fossilien eines Eiszeitmenschen entdeckt. Noch heute leidet der Neandertaler unter den wissenschaftlichen Fehleinschätzungen jener Zeit als grunzendem, keulenschwingendem Wilden. Seine menschlichen Eigenschaften sind jedoch nicht mehr von der Hand zu weisen. Wir wissen, daß er an ein Leben nach dem Tod glaubte, daß er Hütten errichtete und daß er Werkzeuge in Serien herstellte. Und wir kennen zahlreiche Beweise seiner künstlerischen Fähigkeiten.

Am Geburtsort des begabten Vorfahren hat Rinke fünf monumentale Freiplastiken installiert. Im hausbackenen Museumsbau ist sein „Präembryonales Tagebuch“ neben einer Wasserplastik ausgestellt. Das gewöhnlich sparsame Idiom des Bildhauers gewinnt in dieser Talschlucht eine ungewöhnlich reiche Theatralik. Die Bahnhofsuhr, oft Begleiter seiner kargen „Primärdemonstrationen“ der 70er Jahre, ragt nun vor seiner romantischen Felskluft am Eingang des Tales. Sie erinnert an die neue Zeitvorstellung, die der örtliche Fund auslöste. In der Rinkeschen Ursprungsvision ist die Uhr Symbol für biologische Zeit und Rhythmus, aber auch für die geistige Handlung des Messens und Markierens. Zugleich verweist sie auf seinen eigenen Ursprung im Ruhrgebiet: „Als Kinder war für uns der Vollmond nicht der Mond, sondern die Uhr auf irgendeinem Vorstadtbahnhof.“Hinter der Uhr, Relikt aus dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, sprießt eine kleine Quelle hinüber in die Düssel. Der gewundene Bach sicherte Steinzeitmenschen ihre Existenz und grub Höhlen, die der Neandertaler behauste. Wasser zum Trinken, Waschen und Meditieren, Wasser als Lebensquelle und rituelles Medium ist nach wie vor Rinkes bevorzugter Werkstoff. In zwei neuen, bestechenden Arbeiten porträtiert er „das Baltische Meer“ und „das Mittelmeer“. Mit Wasser gefüllte Zinkfässer hinter einem gezackten Pfahlgitter bilden den grauen Horizont des einen; das andere wird inmitten einer saftigen Bachaue von 100 blauen Chemiefässern, in die stetig Wasser tropft, dargestellt. Der Betrachter klettert eine ausrangierte Fabriktreppe empor und blickt über das azure Dreieck zur Düssel. Mehr als jede andere Arbeit lädt diese zur meditativen Andacht ein.

Dort, wo die Schlucht sich öffnet, grasen zottige Urpferde und reiben ihr Winterfell an zwei „Pyramiden“ ab. Von jedem 14 Meter hohen Dreifuß hängt ein 8 Meter langes Lot aus Edelstahl. In gleicher Weise wie Rinke Wasser als archetypisch weiblich erforscht hat, betrachtet er das Lot als Symbol „für Skepsis, für Korrektur, für Vater“. Während Wasser sich dem jeweiligen Behältnis anpaßt, richtet sich das Lot nach dem unbeugsamen Gesetz der Schwerkraft. „Zwei Vertikalen, die sich im Erdmittelpunkt treffen“ heißt die Arbeit, die Rinke 1977 in Linz errichtete und die sich jetzt über die Tarpanwiese türmt. Der Titel verweist auf Rinkes messianische Uberzeugung, daß Kunst sich wieder primären Energien und rituellen Kräften zuwenden muß.

Die Bestätigung seiner Ästhetik hat der Bildhauer immer wieder bei den Eingeborenen Australiens gefunden. Als er 1978 ein geweihtes Wasserloch in der Wüste besuchte, erkannte er die genaue Entsprechung seines mystisch-mythischen Gebrauchs von Wasser. Das profunde deßvu verdeutlicht sich in seinem bemerkenswerten „Präembryonalen Tagebuch“. Es besteht aus mehr als 800 Einzelzeichnungen, abstrakten Notierungen seiner Reaktionen auf dem fünften Kontinent. Es sind dichte, schwer überzogene Arbeiten, in Schichten auf Graphit ausgeführt, oder, wie in letzter Zeit, in gelbem Ocker – jenem Medium, das Neandertaler und Aborigine bevorzugten. Im Neandertaler Museum ist das Tagebuch nur von zwei großen Fabrikuhren beleuchtet. Sie stehen auf Eisentonnen, verbunden mit „Nabelschläuchen“ aus PVC. Das Wasser rauscht, und im Zwielicht entdeckt man die geheimnisvollen Zeichnungen . wie Höhlenmalerei.

Vor seiner ersten Australienreise versprach der Düsseldorfer Kunstprofessor seinen Studenten, Bumerangwerfen zu lernen und ihnen die Technik auf den Rheinwiesen beizubringen. Wie seine frühen Demonstrationen war dies ein Versuch, künstlich entfremdete Erfahrungen zu überbrücken. Wenn er heute seine Arbeiten totemischen Artefakten gegenüberstellt, so bekräftigt er seine wachsende Überzeugung, daß der Künstler vor allem Mittler ist. Seitdem er nach Haan zog, träumte er von einem Zusammentreffen mit dem Neandertaler, dem ersten Künstler – ein weiterer Punkt des Kreises, den Klaus Rinke auf dem Globus markiert.

Durchaus kein zufälliger Punkt. Der Mensch kam auf den australischen Kontinent vor etwa 35000 Jahren während jener mysteriösen Evolutionsphase, als der Neandertaler von Cro-Magnon Menschen abgelöst wurde. Das soll nicht heißen, daß der Aborigine ein genetischer Rückschritt oder ein Steinzeitrelikt sei, wie der Ausstellungskatalog glauben macht. Aber in der Isolation der abgelegenen Landmasse haben sich Rituale und Mythen beständig erhalten können. Hier ist Kunst kein überflüssiger Luxus oder gewerbliches Kulturgut, sondern Instrumentarium des Überlebens. Als Sammler, Bildhauer, Performer und Schamane versucht Klaus Rinke, diese Vision in ihrer Ganzheit darzustellen.

Die wenigen Baumrindengemälde und Bumerange, die diese Ausstellung abrunden sollen, können seine Vision nur andeuten. Und es bleibt fraglich, ob die elementare Verwandtschaft zwischen Neandertaler, Aborigine und dem athletischen Bildhauer aus Haan Uneingeweihten deutlich wird. Am Eröffnungsmorgen, neblig vernieselt wie in den guten alten Eiszeiten, blieb eine Wanderin vor „dem Mittelmeer“ stehen und belehrte ihre Begleiter, dies sei „ein Regenmeßgerät“. Ganz im Sinne des Wasserplastikers vielleicht, wenngleich nicht das erhoffte Wiedererwachen für die mystische Kraft der Kunst.

David Galloway/Christian Sabisch