Formaldehyd: „krebserzeugend“ oder nur „krebsverdächtig“?

Von Egmont R. Koch und Uwe Lahl

Ein Stoff ist in Verruf geraten. Wieder einmal. Nach der vor einigen Jahren heftig geführten Diskussion um das einstige Wundermineral Asbest, das Krebs auslösen kann, steht jetzt ein anderer Tausendsassa des Chemiezeitalters unter dem gleichen schweren Verdacht: Formaldehyd. Und, als wär’s ein Stück von damals, schon tobt hinter den Kulissen wieder ein heftiger Kampf zwischen Umwelt- und Gesundheitsbehörden, Politikern und Industriemanagern. Und wieder einmal werden, je nach Interessenlage, drohende Gesundheitsrisiken oder drohende Arbeitsplatzverluste beschworen.

Formaldehyd, eine simple chemische Verbindung aus nur vier Atomen (chemisches Kürzel HCHO), läutete zu Beginn des Jahrhunderts das Kunststoffzeitalter ein: 1905 erfand der flämische Chemiker Leo Hendrik Baekeland sein „Bakelit“, ein aus Formaldehyd gewonnenes Harz. Danach trat der Stoff einen Siegeszug durch die Produkte der Konsumgesellschaft an: Formaldehyd hält Spanplatten und Sperrholz in Form, konserviert Reinigungsmittel im Haushalt, härtet Fingernägel, tötet Fußpilz, macht Brutkästen auf den Neugeborenenstationen keimfrei. Formaldehyd hält den Anzug knitterfrei, wird zum Einbalsamieren von Leichen verwendet und empfängnisverhütenden Schäumen zugesetzt. Formaldehyd dient zur Wärmeisolierung, ist Bestandteil von Mundwässern, Kunstdärmen für Würste, Farben und Lacken, Papier und Verpackungsmaterialien. Alles in allem bedienen sich 400 verschiedene Produkte der diversen nützlichen Eigenschaften der vielseitig verwendbaren Chemikalie.

Jährlich wird in der Bundesrepublik eine halbe Million Tonnen der Substanz produziert, annähernd soviel wie in .allen anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft zusammen.

Fast ebenso umfangreich wie die Anwendungspalette ist inzwischen allerdings auch die Schadensbilanz der Breitband-Chemikalie: Formaldehyd, ein stechend riechendes Gas, reizt vor allem die Nasen- und Augenschleimhäute; Formaldehyd zählt zu den zehn gefährlichsten Substanzen, die Allergie-Erkrankungen, darunter auch Bronchialasthma, hervorrufen können. Nach amerikanischen Untersuchungen muß der Personenkreis, der empfindlich auf den Stoff reagiert, auf über zehn Prozent der Bevölkerung geschätzt werden. Formaldehyd schädigt das Erbgut, greift das Erbmolekül DNA im Zellkern an und verhindert überdies, daß die geschädigte Zelle die entstandenen Schäden reparieren kann.

Noch schwerer wiegt aber die Beschuldigung, die Substanz sei kanzerogen, krebsauslösend. Nach Meinung der Kritiker stellt sie damit eine Gesundheitsgefahr dar, die, nach Abwägung von Nutzen und Risiken, nicht akzeptiert werden kann.