Hier sind schon die Forsythien aufgeblüht!“ – „In der Ferne sieht man rechts den Flughafen!“ – „Jetzt fahren wir unter der Autobahn hindurch!“ Diese und ähnliche Sätze hören erstaunte Spaziergänger aus einer Gruppe von Tandemfahrern, die in einer langen Reihe an ihnen vorbeiziehen. Damit beschreiben die Pilotfahrer auf den Vordersitzen des Tandems ihren Beifahrern die Landschaft, die sie gerade durchqueren. Denn die, die auf den Hintersitzen der Räder tüchtig mittreten, sind blind oder stark sehbehindert.

Einmal im Monat startet sonntags der Tandemklub „Weiße Speiche“ zu einer ganztägigen Radtour in und um Frankfurt am Main. Seine Mitglieder sind blinde und sehende Menschen, die Spaß am Radsport haben. Zu dem Treffpunkt in Frankfurt kommen sie aus dem Umkreis von fünfzig Kilometern, um gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Die Idee dazu ist fünf Jahre alt. Viele, die davon hörten, waren gleich dabei und halfen mit, sie in die Tat umzusetzen.

Zunächst traf man sich in loser Form, legte ein Ziel fest und fuhr munter drauf los. Doch je mehr sich die Initiative herumsprach, desto schneller stieg die Zahl der Interessenten. Damit wuchsen die organisatorischen Probleme. Es mußten Tandems beschafft, ein Abstellplatz gefunden und genügend Pilotfahrer gewonnen werden. Was sollte bei einem Unfall geschehen? Mit Versicherungen mußte gesprochen werden.

So schlossen sich die Radler vor drei Jahren in dem Tandemklub „Weiße Speiche e. V.“ zusammen. Die meisten Mitglieder besitzen heute eigene Doppelräder. Der Klub selbst konnte sich von Spenden und Mitgliedsbeiträgen fünf Tandems kaufen. Als Abstellplatz dient ein von den Frankfurter Stadtwerken gemieteter Raum, in dem früher Leihräder für Ausflügler aufbewahrt wurden. Unter den Pilotfahrern sind viele junge Leute wie Lehrlinge, Fachhochschulabsolventen, Oberschüler und Studenten. Auch Berufstätige und Hausfrauen machen mit. Mit der Zeit sind viele Freundschaften entstanden. Das Radeln hat Blinde und Sehende zusammengeführt.

Der Klubvorstand organisiert die Touren gründlich. Die Route, die Raststätte und die Speisekarte werden den Teilnehmern rechtzeitig in Normal- und Blindenschrift bekanntgegeben. Wer ein Tandem, einen Pilotfahrer oder beides braucht, muß sich bald melden, damit am Ausflugstag möglichst nichts schiefgeht. Eine Reparaturgruppe wartet die Räder und kann während der Tour jederzeit helfend eingreifen.

Ab und zu reist der Klub ins Ausland. So wurden zuletzt Radler samt Räder mit Autos nach Holland gefahren, wo sie mehrere Tage lang die Gegend erkundeten.

Über den Umgang mit Behinderten ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden, „Aufeinander zugehen, einander verstehen, miteinander leben“, hießen die häufig erhobenen Forderungen. Hier werden sie ohne viel Aufhebens praktiziert, zur Nachahmung empfohlen. Keyvan Dahesch