Von Ulrike Petzold

Wenn Carla Becker von der Arbeit kommt und die Wohnzimmertür öffnet, liegt ihr Mann auf dem Sofa unter einer Wolldecke, den Kopf in einem Federkissen vergraben. Auch wenn er nicht da liegt – Kissen und Decke verschwinden nicht mehr aus der Stube. Im Laufe des Tages hat Georg Becker seine Frau einige Male in ihrem Büro angerufen: Was sie mache, wann genau sie nach Hause komme, wann sie ihm das Essen koche.

Er ist seit einem Jahr arbeitslos, Diplomingenieur, 45 Jahre alt. Sie, 41 Jahre, hatte früher das Haus gehütet: „Seit neunzehn Jahren bin ich verheiratet, der Junge ist achtzehn. Ich hab nur als Hausfrau und Mutter gelebt.“ Bis sie zu studieren anfing, Frauengruppen und Arbeitskreise besuchte und vor vier Jahren eine Stelle als Sekretärin bekam: „Dadurch bin ich selbständiger und aufmüpfiger geworden.“ Seit er seine Arbeit verloren hat, macht er ihr das Leben schwer: Georg ist depressiv geworden, und er wirft Carla vor, daß sie sich zu wenig um ihn kümmere.

Das Hauptproblem ist die Eifersucht: „Er denkt den ganzen Tag an nichts anderes und kontrolliert jeden Schritt von mir. Wird es abends mal später, gibt es ein Mordstheater, oder er weint.“ Lust, nach Hause zu kommen, verspürt sie schon lange nicht mehr. „Ich war es ja gewohnt, Mutter und Hausfrau zu sein“, erzählt sie unter Tränen, „aber jetzt bin ich einfach anders. Zurück in die alte Rolle? Das will ich nicht, und das kann ich nicht.“

Sie wird sich scheiden lassen. Die Arbeitslosigkeit hat eine achtzehnjährige Ehe zerstört.

Carla Becker (die Namen aller Betroffenen wurden geändert) ist kein Einzelfall. Immer mehr Frauen haben einen arbeitslosen Mann und leiden darunter: weniger Geld, dafür mehr Krach und Zukunftsangst; weniger Fleisch, aber mehr Schnaps; weniger Freunde, aber mehr Prügel – das beschert die Arbeitslosigkeit vielen Familien. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fand in einer Studie heraus, daß die psychischen und sozialen Folgen der Erwerbslosigkeit Familien viel stärker belasten als die Geldsorgen.

Die Probleme fangen in der Küche an. Ist sie Hausfrau, dann sitzt da plötzlich morgens einer in ihrem Reich, in dem sie jahrelang allem geschaltet und gewaltet hat. Mal funkt er dazwischen und weiß alles besser, ein andermal ist er apathisch und niedergeschlagen. „Dann will er getröstet und aufgepäppelt werden“, erzählt eine Betroffene, „es ist, als hätte man plötzlich noch ein Kind, bloß daß es viel schwieriger ist.“