Von Monika Putschögl

Auf der Piazza S. Maria Novella wogt samstag-morgendlicher Trubel. Touristen und Einheimische, Eilige und Gemächliche schieben sich durch die schmale Straße, die vom Bahnhof kommt. Dazwischen müht sich unser übernächtigtes Grüppchen kofferschleppend durch den grauen Morgen, um ermattet in einem Caffe am Straßenrand Platz zu nehmen, den ersten Cappuccino zu schlürfen und Gelassenheit zu tanken. Nach zehn Stunden Fahrt im Liegewagen von München nach Florenz haben wir zwar unser Ziel erreicht, von unserer Herberge aber trennen uns noch zwanzig Kilometer: also wieder an die Koffer und im Zickzack-Slalom an Souvenirständen vorbei zum Busbahnhof.

„Wir haben andere Reisen“ steht auf dem Deckblatt des Prospekts, in dem unsere Florenzfahrt ausgeschrieben ist. Und was sind die anderen Reisen? Es sind materialistisch geführte Studienreisen. Was man sich darunter vorzustellen hat, erläutert der Veranstalter gottlob auch sogleich: „Materialistische, das heißt kritische, sozialgeschichtlich aufgebaute Führungen ... Besondere Berücksichtigung der Arbeiter- und Widerstandsbewegung ... Kein Abhaken von Sehenswürdigkeiten. Und wer’s immer noch nicht weiß, der bekommt kleingedruckt den Schlüsselbegriff der materialistischen Theorie mit auf den Weg: „Die Einteilung der Geschichte in verschiedene Gesellschaftsformationen, deren jede sich im Schoß einer vorangehenden herausbildet, geht auf Karl Marx und Friedrich Engels zurück.“

Der Schlagworte sind genug im Gepäck. Und wirre Vorurteile schwirren durch den Kopf. Anderes Reisen ist gleich alternatives Reisen, ist gleich Rucksack statt Koffer und Kapital höchstens in Buchform, ist gleich bescheidenes Quartier und spartanische Lebensform, ideologischer Überbau statt Brunelleschis Kuppel, Marx statt Michelangelo, Indoktrination statt Information.

Der Linienbus bringt uns in 45 Minuten nach Pontassieve, einen farblosen Vorort von Florenz, unseren Schlafplatz. Das erste Vorurteil wird entkräftet. Das Hotel heißt „Moderno“, und so ist es auch: neu und komfortabel, mit Dusche, Radio, Zimmerbar und jeder Menge Reisegruppen. Sonderlich anders sind wir nicht.

Anders ist unsere tägliche Annäherung an Florenz. Dem Bus ziehen wir die schnellere Bahn vor. Der Zug, der um 9.09 Uhr den Bahnsteig vier in Pontassieve verläßt, schafft uns in 20 Minuten in die Stadt. Jeden Morgen stehen wir im rappelvollen Gang und Sausen mit den Werktätigen der Medici-Metropole entgegen – auch eine Art, mit der Arbeiterbewegung vertraut zu werden. Viel Gelegenheit zum Spazierengehen hat uns der Prospekt versprochen. Dieser Punkt wird gewissenhaft eingehalten. Wir werden nicht mit dem Vier-Sterne-Sightseeing-Bus durch die Stadt gekarrt, sondern wir laufen. Das ist ohnehin an diesem von Touristen und Fahrzeugen verstopften Ort vernünftiger.

Die Anlaufstellen unserer materialistisch gelenkten Bildungstour sind exakt dieselben,die den Kanon einer nicht-materialistischen, sprich klassischen, Studienreise bestimmen. S. Maria Novella und S. Croce, die beiden Ordenskirchen, S. Maria del Fiori, der Dom mit seiner allesbeherrschenden Kuppel, S. Maria del Carmine mit den Fresken von Masaccio, die Medici-Kapelle, für die Michelangelo die berühmten Grabmäler meißelte. Auf der Sehenswürdigkeiten-Liste fehlen weder die Uffizien noch der Bargello noch der prächtige David im Original: klassischer Kunstgenuß von den Ghirlandaio-Fresken bis zur Botticelli-Venus.