Von Erika Martens

Die Stimmung ist gedrückt. Ernst Eisenmann, der Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter, hat seiner Verhandlungskommision gerade Bericht erstattet. Viel freilich gibt es über die Gespräche mit den Arbeitgebern der Metallindustrie nicht zu sagen, es hat sich nichts bewegt. "Die wollen uns in die Knie zwingen", kommentiert ein Metaller verbittert.

Öffentlich verbreiten die Funktionäre der IG Metall dagegen Optimismus und bekunden immer wieder ihre Entschlossenheit, diesen Kampf durchzustehen. Hans Mayr, der Vorsitzende, ließ am Montag vergangener Woche beim vertraulichen Spitzentreffen mit den Arbeitgebern sogar die Klassenfeinde an seiner guten Laune teilhaben: Beim gemeinsamen Abendessen unterhielt er die Herren mit Witzen.

Abseits des Rummels um Streik und Aussperrung freilich sind die Gesichter der Verantwortlichen ernst. Denn dieser Arbeitskampf, bei dem es nach ihren eigenen Aussagen um Sein oder Nichtsein der Gewerkschaft geht, gibt inzwischen reichlich Anlaß zur Sorge. "Wir sind im Eck", skizziert ein Stuttgarter IG Metall-Funktionär knapp und treffend die Lage.

Wie kommt es, daß diesmal – wie ein Streikposten es umschrieb – "alles gegen uns läuft"? Ganz gewiß liegt die Schuld dafür nicht nur bei Arbeitgebern und den Bonner Wendepolitikern, jener angeblichen "Kumpanei von Kabinett und Kapital"‚ die Mayr kürzlich ausmachte. Auch die IG Metall – das geben inzwischen sogar Gewerkschafter zu – hat im Laufe der Auseinandersetzungen Fehler gemacht.

Angefangen hat das Dilemma, in dem die Organisation jetzt steckt, beim Gewerkschaftskongreß im Herbst 1977, als die Mehrheit der Delegierten gegen den Willen des Vorstands die Forderung nach der 35-Stunden-Woche ins tarifpolitische Konzept schrieb. Lange behandelten Eugen Loderer, damals noch Chef der größten Einzelgewerkschaft der Welt, und seine Kollegen diesen Punkt im Forderungskatalog denn auch eher dilatorisch.

In der Metallindustrie wurde die 40-Stunden-Woche 1979 gar noch einmal bis Ende 1983 festgeschrieben. Das war der Preis für eine stufenweise Verlängerung des Urlaubs auf sechs Wochen. Nur in der Stahlindustrie hatte die Tarifkommission ein Jahr nach dem Kongreß die Wochenarbeitszeitverkürzung verlangt. Doch trotz wochenlanger Streiks kamen zum großen Ärger der Basis am Ende nur zusätzliche Freischichten für Nachtschichtarbeiter und Ältere sowie die Urlaubsverlängerung, heraus. Der heftige interne Streit um diese Kapitulation steckt den Männern an der Spitze der IG Metall noch heute in den Knochen.