Bremerhaven

Seit neunundneunzig Jahren steht der Leuchtturm „Roter Sand“ in der Wesermündung, ein rot-weißes Bauwerk mitten im Meer, rund sechzig Kilometer vor Bremerhaven. Ob er aus eigener Kraft seinen hundertsten Geburtstag erleben wird, ist fraglich. Zu sehr haben Wellen, Wind und Strömungen an der Substanz des Turmes genagt und dem Fundament zugesetzt.

Vor hundert Jahren feierte man ihn als eine technische Weltsensation: Der „Rote Sand“ war das erste Bauwerk, das im offenen Meer errichtet wurde, ohne auf einem Felsengrund Halt zu finden. Im neun Meter tiefen Wasser trieb man das Fundament aus Stahl und Beton dreizehn Meter in den von Muschelablagerungen rötlich gefärbten Sand hinein; eine stabile Basis für den siebenundzwanzig Meter hohen Turm. Im Inneren führt eine Wendeltreppe vom Motorenraum durch die Küche und den Schlafraum in das mit drei Erkern verzierte Dienstzimmer für die Leuchtturmwärter.

Obendrauf sitzt eine glasverkleidete Kuppel für das Feuerzeichen.

Zahllosen Schiffen wies der „Rote Sand“ seit 1885 den sicheren Weg durch die Untiefen der Wesermündung, Hunderttausenden von Auswanderern war der Blick auf den rot-weißen Turm das letzte, was sie von der Alten Heimat sahen. Die Andenkenindustrie bemächtigte sich des Bauwerks: Von Ansichtskarten bis hin zu Schlüsselanhängern – der kitschigen Betrachtung des Motivs waren keine Grenzen gesetzt.

Doch wie es „Jahrhundertbauten“ so geht: Ruhm und Nutzen sind vergänglich. 1964 wurde der im Fundament brüchig gewordene „Rote Sand“ von einem modernen Feuerzeichen abgelöst. Was tun mit dem altersschwachen Bau?

Abwarten und auf die Naturgewalten vertrauen, sagte sich das zuständige Bundesverkehrsministerium, frei nach dem Motto: Der Turm hat seine Schuldigkeit getan, der Turm kann umfallen.