ARD, Montag, 11. Juni, 22.50 Uhr: Schauplatz der Geschichte – Am Rio Grande“. Film von Peter Brugger

Titel und Fremdwörter sind Glückssache, spottet man in der Jornaille. Daß beide zum Schaden eines Stückes/Films/Artikels ausschlagen können, belegt der Film von Peter Brugger über den amerikanischen Bundesstaat Neu-Mexiko leider wieder einmal. Der „Schauplatz“ wird ausgiebig vorgeführt, aber die „Geschichte“ bleibt unklar, widersprüchlich, über weite Strecken beiläufig. Was das deutsche Fernsehen oft unerträglich macht, nämlich die pädagogische Attitüde, fehlt hier zum Nachteil eines Films, der in seinen Einzelteilen fesselnd, in manchen Szenen sogar faszinierend ist, aber mangels eines roten Fadens in der Addition schöner Bilder und beeindruckender Kontraste stecken bleibt.

Dabei ist Neu-Mexiko, im Oberlauf des Rio Grande, wirklich ein Schauplatz. Spanier, aus Mexiko kommend, auf der Suche nach Gold. Sie brachten Sprache und Katholizismus in ein Indianerland. Nomadisierende Apachen und ihre seßhaften Brüder in den Pueblos – wie arrangierten sie sich mit den Weißen? Der Zuzug der anglos aus dem Osten im vorigen Jahrhundert: Rinderzüchter, die Großgrundbesitz schufen, Cowboys beschäftigten (Billy the Kid wurde hier zur Legende); eine dritte Kultur stieß auf zwei ältere. Wie verschmolzen sie? Dann der Einbruch der Technik. Los Alamos, die Geburtsstadt der Atombombe, liegt in Neu-Mexiko. Modernste Düsenjäger donnern bei Übungsflügen über winzige Kirchen aus dem 16. Jahrhundert. Apachenchiefs organisieren moderne Ski-Zentren – es ist ein Land atemberaubender Gegensätze, und gelegentlich hat sich das Team von ihnen überwältigen lassen.

Gegen Ende des Films, vierzig Minuten zu spät, versucht Brugger, seinen Stoff zu gliedern, die Nachbarschft der drei Kulturen zu beschreiben und mit der Formel „Entwicklung gegen Erhaltung“ jene Spannung auf den Punkt zu bringen, die das Grenzland seit Jahrhunderten bestimmt.

„Geschichte“ heißt ja auch, Gegenwärtiges in Entwicklungen einzuordnen; dann darf Chief Jeronimo nicht nur beiläufig erwähnt werden, sondern sein erfolgreicher Aufstand gehört in den Kontext der weißen Landnahme, die vielleicht im System der Indianer-Reservate enden mußte, aber offenbar damit nicht abgeschlossen ist. Oder was bedeutet es, wenn im Pueblo lebende Indianer ihr Geld in den Laboratorien in Los Alamos verdienen?

Freilich – ohne den Serientitel wäre es ein sehenswerter Film über einen schönen Flecken der Vereinigten Staaten. Mit dem Titel jedoch ist es ein Beitrag der versäumten Chancen, durch mehr Didaktik und weniger – übrigens ausgezeichneter – Bilder ein Grenzland-Problem und einen historischen Ausschnitt zu beschreiben. Brugger wird der Gegenwart gerechter als der Vergangenheit, und in den vergleichsweise langen Interview-Einblendungen erzählen die Befragten dennoch zu kurz und zu wenig, um ihr Verhältnis zur Vergangenheit verständlich zu machen. Ihr Urteil kann das Urteil des Autors nicht ersetzen.

So bleiben nur Ausschnitte haften: die Geschichte des indianischen Malers, der im Korea-Krieg den Zusammenbruch seiner Werte erlebte, oder die Philosophie der Alternativen, die eine verlassene Kohlengräber-Stadt friedlich besetzt haben, oder der Seufzer eines Weißen, der den Tourismus befürwortet, aber herzlich hofft, die Touristen mögen nicht bleiben: Ausschnitte oder Steinchen, aber kein Mosaik, das nur legen kann, wer immer wieder zurücktritt, weiter jedenfalls als der Autor. Horst Bieber