Von Rolf Zundel

Münster, im Juni

Auf einen Satz konnten sich die Liberalen in Münster einigen: "Wir sind eben eine lebendige Partei." Gesprochen wurde er freiich in allen denkbaren Gemütsschattierungen: vom grimmigen Endzeit-Zynismus bis zur selbstverordneten Euphorie des Neuanfangs. In einem unterscheidet sich die FDP tatsächlich von den anderen etablierten Parteien: In ihr gibt es, manchmal für Jahre zugedeckt, aber immer virulent, eine Art Radikalität, die in guten Jahren für unterhaltsame Parteitage sorgt, die aber zuweilen, zumal in Krisenzeiten, in einer bürgerlichen Variante der Basisdemokratie durchbricht: Trau keinem über fünfzig!

Die ideologischen Differenzen, die bei solchen Aufständen sichtbar werden, sind seit den legendären Tagen der Düsseldorfer Jungtürken meist von minderer Bedeutung. Da geht es um ganz anderes: neu, glaubwürdig, Aufbruch, Durchbruch heißen die vagen Kennworte. Aber das hindert einen FDP-Parteitag keineswegs, mit seiner Führung so umzuspringen, wie das Christdemokraten oder gar Sozialdemokraten nie möglich wäre. Die Genossen ersparen ihren Oberen bei der Parteitags-Abrechnung kein wirkliches oder auch nur vermutetes Delikt, aber nachher bestätigen die Kritiker die Kritisierten mit respektablen Mehrheiten im Amt. Gewichtsverschiebungen muß man mit der Feinwaage nachmessen. Wenn hingegen die FDP ihre politische Leidenschaft entdeckt, wird sie weder durch das Gewicht der Organisation noch durch kühl-kalkulierende politische Vernunft gezügelt. Die ehrliche Emotion ist da allemal stärker.

Viele haben diesen Stau der Emotionen unterschätzt: nicht nur Genscher, sondern auch die Riege der Landesvorsitzenden, die auf diesem Parteitag ihre Machtübernahme in die Wege leiten wollten. Sie hätten das alte Partei-Establishment schon gerne etwas an die Leine gelegt. Sie wollten schon deutlich machen, daß ohne sie in der Partei nichts mehr geht, aber so dramatisch sollte der Aufstand denn doch nicht ausfallen.

Es mag ja sein, daß manche Berichte über die Vorstandssitzungen vor dem Parteitag übertrieben waren – da war die Rede davon, man sei so brüderlich miteinander umgegangen wie auf einer Ratstagung der EKD – aber die allgemeine Erwartung, übrigens auch die der Journalisten, ging doch dahin: Der Dampf ist raus. Die Partei genießt ihr im Protest gegen die Amnestie erworbenes neues Selbstgefühl, sie begleitet Genscher mit respektvollem Gemurmel auf einem längeren Weg zum Altenteil.

Auch Genscher hat sich wohl getäuscht. Seine Ankündigung, er werde die Partei nicht mehr in den nächsten Bundestagswahlkampf führen, beruhigte die Liberalen nicht. Seine Rede, eine der geschicktesten und besten, die er gehalten hat, half nichts mehr. Seine Ankündigung erschien vielen Delegierten halbherzig, eine typische Genscher-Entscheidung. Den einen ging sie zu weit, den anderen nicht weit genug. Übelgenommen wurde ihm auch, daß er seinen Rückzug auf Raten ohne Absprache in einem Interview mitgeteilt hatte. Wie auch immer. Er konnte ihnen nichts mehr recht machen. Wende, Amnestie, Klagen über Führungsstil, Teilrückzug: Alle Leiden der Partei erhielten in einem Akt rücksichtsloser Verdrängung den Namen Genscher.