An guten Ratschlägen hat es nicht gefehlt – und prompt werden sie auch befolgt. Nach den mehr oder minder offenen Hinweisen darauf, daß die von Streik, Aussperrung und „kalter Aussperrung“ (wegen Produktionsstillegung) betroffenen Arbeitnehmer finanziellen Schaden von sich abwenden könnten, wenn sie krankgeschrieben würden, hat großen Anklang gefunden. So registrierte die Betriebskrankenkasse MAN in München einen Anstieg des Krankenstandes von etwas über fünf auf 15,32 Prozent der Arbeitnehmer. Dieser Zuwachs um satte 280 Prozent binnen weniger Tage war leicht zu erklären: Bei MAN gingen die Ersatzteile aus, und die Produktion mußte gestoppt werden – ohne Kosten sowohl für das Unternehmen als auch für die Industriegewerkschaft Metall, deren badenwürttembergische und hessische Kampfhandlungen auch Betriebe in anderen Bundesländern in Mitleidenschaft ziehen. Bei Siemens ist es in einzelnen Zweigbetrieben zu einem Anstieg des Krankenstandes von immerhin 100 Prozent gekommen.

Wer will, mag darin eine Ironie erkennen – die Arbeitgeber müssen selbst nach Aussperrungs-Beschlüssen für die Personalkosten aufkommen. Freilich tun sie das nur zur Hälfte. Die andere Hälfte tragen, bei jeder Krankenversicherung, die Arbeitnehmer – das müßte im Lager der Gewerkschaften jeden Anflug von Schadenfreude sogleich wieder verschwinden lassen.

Die Kassen stehen dieser Flucht in die Krankheit ziemlich hilflos gegenüber. Es zeigt sich nun, daß, trotz erster Bemühungen von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm um eine Stärkung des Vertrauensarzt-Systems, eine vertrauensärztlicne Kontrolle der Krankschreibungen kaum möglich ist – jedenfalls dann nicht, wenn plötzlich so viele Menschen darniederliegen. Die Vertrauensärzte haben nun zwar mehr zu tun als vordem – die Wirkung ihrer Arbeit aber ist gering. Das gleiche vermuten Fachleute auch von Appellen an die Kassenärzte, ihre Pflicht ernst zu nehmen. So hat etwa die Kassenärztliche Vereinigung in Bayern versprochen, in diesem Sinne auf ihre Mitglieder einzuwirken. Doch viel kann dabei nicht herauskommen – wer als Arzt zuviel Härte zeigt, muß befürchten, daß die Zahl der Krankenscheine in seiner Praxis schon vom nächsten Quartal an zurückgeht; die Kulanz anderer Ärzte trägt hingegen Früchte.

*

Wieviel Wohnungen stehen denn nun wirklich leer in der Bundesrepublik? Weil niemand Genaues weiß, und weil sowohl die Zahl der Wohnungen als auch die Zahl der Haushalte in der Bundesrepublik um so mehr im unklaren verschwimmt, je länger wir uns den Luxus eines Verzichts auf eine Volkszählung leisten, können Interessenten fast nach Belieben mit Zahlen hantieren. So kann es denn geschehen, daß Theodor Paul, Präsident des Verbandes der Haus- und Grundbesitzer, von einer Million leerstehender Wohnungen sprechen kann, ohne dafür auch nur das geringste Zahlen-Indiz liefern zu können.

Klar ist nur, was Paul mit seiner Zahl erreichen will: Eine weitere Liberalisierung des Mietrechts (sie läßt sich freilich mindestens ebenso gut mit ungetürktem Zahlenmaterial begründen) und die weitere Reduzierung des Baus von Sozialwohnungen (auch dazu bedarf es nicht des Spiels mit falschen Zahlen).

Bundesbauminister Oscar Schneider wirkt jedenfalls glaubwürdiger als Paul, wenn er dessen Zahlen als „Horrorzahlen“ zurückweist. Näher an der Wahrheit könnten Schätzungen aus dem Bereich der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft liegen: Danach steht etwa eine Viertelmillion Wohnungen in der Bundesrepublik leer. Das wäre gut ein Prozent des gesamten Wohnungsbestandes in der Bundesrepublik. Ein solcher Puffer leerstehender Wohnungen zeugt nur von der schon recht weitgehenden Ausgeglichenheit des Wohnungsmarktes. Man kann annehmen, daß die meisten dieser Wohnungen gerade modernisiert oder neuen Mietern angeboten werden. Daß der Anteil der leerstehenden Wohnungen kaum über diesem einen Prozent liegen dürfte, bestätigt man, auch in der Kreditwirtschaft – wäre der Anteil nämlich höher, so müßte man es dort an drastisch gestiegenen Zahlungsrückständen verspüren. Tatsächlich aber schlagen, so Dieter Bellinger, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Hypothekenbanken in Bonn, die Zinsrückstände bei leerstehenden Mietwohnungen – nur auf Mietwohnungen bezog sich ja auch Pauls Zahl – kaum zu Buche. Lediglich bei Eigenheimen sind sie spürbar geworden.

Verständlich werden Pauls Horrorzahlen vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die Bonner Koalition noch in diesem Jahr über die künftige Förderung des Wohnungsbaus entscheiden will. Diese Förderung ist natürlich heute nicht mehr so dringlich wie in den fünfziger und ersten sechziger Jahren – um so weniger, als ohnedies ein großer Teil der Fördermittel die falschen Adressaten erreicht hat, relativ wohlgestellte Bauherren in relativ geringer besiedelten Regionen. Der Appell zur Sparsamkeit läßt sich also gut begründen. Ob er gehört wird, steht freilich dahin – Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg hat sich bislang nur das bescheidene Ziel gesetzt, die Ausgaben für den Wohnungsbau nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Dieter Piel