Spaziergänger am Schaumainkai in Frankfurt, denen die moderne Architektur eine wahre Last ist, halten entzückt inne: eine Villa von großbürgerlicher Statur, hinreichend alt, um das Schönheitsgefühl zu bewegen. Der Mittelteil ist – genau umgekehrt wie in der Villa nebenan, wo eine zuckende Leuchtschrift das Filmmuseum als Hausherrn verrät – ein wenig zurückgesetzt, damit die vier ionischen Säulen in der Fassade Platz bekommen. Man erkennt die Hierarchie der Fenster. Unten sind sie groß und mit Giebeln verziert; im Dach, das über dem Gesims wie ein Deckel leicht angehoben ist, um den Domestiken – und nun dem neuen Personal – für ihre Kammern Platz zu geben, sind sie klein und in runden Gauben untergebracht. Da dergleichen verhaltene Präcntigkeit immer seltener wird, wird die Villa heute desto heftiger geliebt.

Spaziergänger, die sich jedoch in die lange, unmerklich schief geschnittene Loggia mit den rustizierten braunen Pfeilern – halb Straße noch, schon halb Haus – begeben, erleben augenblicklich den Wechsel der Zeiten: In dem Haus von 1901 steckt ein Haus von heute. In der historischen Fassade, die mit der italienischen Spätrenaissance kokettiert, hat sich mit kühl verspielter Strenge die Gegenwart eingerichtet, bauhausweiß. Das Haus im Haus, das obendrein von einem Haus umgeben ist, ist einem beherzten Akt von Denkmalpflege zu danken und dies wiederum einer Institution, die darin beherbergt ist und ihresgleichen noch nirgendwo hat: dem Deutschen Architekturmuseum. Am 1. Juni ist es, eine Woche vor dem benachbarten Filmmuseum, eröffnet worden.

Es hat eine gute Adresse, und die führt seit einem halben Dutzend Jahren am liebsten die Bezeichnung Museumsufer. Der Architekt ist Oswald Matthias Ungers, ein in jungen Jahren schnell beachteter, dann viele Jahre lang seiner theoretischen und architektonischen Überlegungen wegen bei uns ignorierter, seit Ende der siebziger Jahre aber wieder sehr präsenter Baumeister. Seine mattesten Entwürfe – für zwei Wohnkomplexe – sind unlängst in Berlin gebaut worden; sein größtes Gebäude – teils bewundert, teils geschmäht – ist die Messehalle 9 mit der gewaltigen Galleria in Frankfurt. Das Architekturmuseum ist unter diesen neuen Arbeiten der strengste, der ausgeklügeltste, sein überzeugendster Bau: Theoretischer Vorsatz und Verwirklichung decken einander – vielleicht, weil es ein artifizielles Gebäude für einen artifiziellen Inhalt ist. Es dient der Darstellung von Architektur und betrachtet sich selber als einen Beitrag dazu, einen Ausstellungsgegenstand. Das jedoch war nicht vorgesehen. Die Vorgeschichten hatten ganz anders angefangen.

Die eine begann in den USA, wo Heinrich Klotz, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, zwei Jahre lang als Gastprofessor lehrte und sich für die Gegenwartsarchitektur zu interessieren begann. Es fiel ihm auf, daß niemand es für wichtig hielt, die Arbeitsmaterialien von Architekten als Dokumente ernst zu nehmen. Im Büro Mies van der Rohes sah er das Arbeitsmodell seines letzten Hochhauses, voll von Spuren des Gebrauchs; als er wiederkam, lag es auf dem Müll. Er beobachtete, daß unzählige Skizzen, die darüber Auskunft geben, wie eine Idee allmählich Gestalt annimmt und ein Gebäude wird, in den Papierkörben verschwinden. Und ihm fiel auf, daß kaum bekannt wird, was Architekten über ihr Metier denken und sagen. So machte er eine Reihe von Interviews, die heute zum Fundus der zeitgenössischen Architektur gehören, und so begann er zu sammeln und Leute mit Geld dazu anzustiften.

Die andere Vorgeschichte trug sich danach in Frankfurt zu, und sie hatte zwei Anlässe. Der eine war die Beobachtung, daß Frankfurt von der jüngsten, der aktuellen Kunst keine Notiz nahm. Der Kunst- (und Theater-)kritiker Peter Iden und der inzwischen in Marburg lehrende Kunsthistoriker Heinrich Klotz, die sich auf der documenta 4 begegnet waren, entwickelten die Idee von einer Art von Museum der modernen Künste, in dem, wie etwa in New York, bildende und Baukunst gepflegt werden könnten.

Gleichzeitig warnten Bürger im „Stadtforum“ davor, nach der City und Teilen des Wohnviertels Westend auch das jenseitige, noch intakte Sachsenhausener Mainufer der Bauspekulation preiszugeben. Der Hochhausinvestor Selmi hatte sich gerade dort eingekauft. Zusammen mit dem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann entstand schließlich der Plan, die plötzlich in Gefahr geratenen Bürgervillen vor dem Abriß zu retten, indem man sie anderen Zwecken nutzbar machte.

Inzwischen war, nach Rudi Arndt, der für kulturpolitische Projekte empfängliche Walter Wallmann zum Oberbürgermeister gewählt worden, ein begeisterungsfähiger Bauherr zudem, wie die Demokratie ihn sich wünscht. Und bald gab es den berühmten Vormittag, an dem Iden, Klotz und Hoffmann dem Stadtoberhaupt im Römer ihre Ideen vortrugen, ins Auto stiegen und die Villen drüben am Main in Augenschein nahmen. Danach war das „Museumsufer“ beschlossene Sache: ein Baudenkmal gerettet, ja der ganze einzigartige Mainprospekt für das Bild der Stadt erhalten, und die Bundesrepublik hat nun ihr erstes Architekturmuseum.