Abfahrt 7.15 Uhr. Unser Busfahrer hat seine liebe Not mit uns. Wir werden aufgelistet, werden abgehakt, erhalten Nummern, geben Pässe und Ausweise ab, erhalten dafür grüne und weiße Scheine. Wir, das sind 26 Westberliner auf einem Tagesausflug in die DDR, organisiert von einem Westberliner Reisebüro. Am Grenzübergang Staaken wird das ganze Papier wieder eingesammelt und gebündelt den Grenzbeamten überreicht. Wir warten ungewöhnlich lange: Einige haben den falschen Schein abgegeben. Ein Reiseleiter des DDR-Reisebüros steigt zu und heißt uns willkommen. Er stellt sich vor: „Ich heiße Bismarck, ohne ‚von‘.“

Wir kurven westlich um Berlin herum und gelangen nach Falkensee, einem unscheinbaren Ort, dem auch die obligate „Straße des Friedens“ keinen Glanz verleihen kann. Ungewohnt würzige Landluft steigt in Städternasen. Kartoffel- und Spargelfelder ziehen sich am Wege hin und veranlassen den ansonsten recht schweigsamen Herrn Bismarck zu einem Vortrag über die DDR-Landwirtschaft. Daß zum Beispiel mittlerweile 20 Prozent des gesamten Obstes und Gemüses der DDR aus Kleingärten komme, daß man neuerdings Wert auf individuelle Tierhaltung lege und das private Schwein staatliche Förderung erhalte.

Schönwalde bei Henningsdorf wird als Erholungsgebiet gepriesen. „Datschen“, Wochenendhäuser, reihen sich aneinander. In Oranienburg kommen wir an dem 1651 im Auftrag von Luise Henrietta von Oranien erbauten, gelblich schimmernden Barockschloß vorbei, das an einer verkehrsreichen Kreuzung liegt. Es geht weiter nach Gransee, der kleinen märkischen Stadt mit der „lieblichen Umgebung“, wie Fontane geschrieben hat. Ein Blick vom Bus auf die spätgotische Marienkirche mit ihren zwei mächtigen Türmen, und gerade noch können wir das berühmte Denkmal der Königin Luise erspähen, das 1811 nach einem Entwurf von Schinkel erbaut wurde. Ein Stopp hätte sich gelohnt, schon um des Chronisten Fontane willen: „Am 19. Juli 1810 war die Königin zu Höhen-Zieritz gestorben ... Am 24. wurde sie in Silberstoff gekleidet ... Am 25., in glühender Sonnenhitze, begann die Überführung; Gransee sollte an diesem Tag noch erreicht werden ...“ Zur Erinnerung daran wurde das Denkmal errichtet. Bei unserem Cicerone Bismarck hingegen hört sich das so an: „Luise war ja eine relativ gebildete Frau; ihr Mann aber, Friedrich Wilhelm III., war der größte Dummkopf seiner Zeit, das hat Karl Marx gesagt.“ Und wie ein Ausrufezeichen hinter diesem Satz verkündet ein Spruchband: „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“

In Ravensbrück wird erstmals Station gemacht. Im Konzentrationslager Ravensbrück fielen den Nazis mehr als 100 000 Frauen und Kinder zum Opfer. Ihre Asche ruht zum Teil in dem idyllischen Schwedt-See und in einem Beet vor der KZ-Mauer. Rote Rosen blühen dort. Die Gänsehaut rührt nicht vom kühlen Seewind her.

Im nur wenige Kilometer entfernten Fürstenberg wird im separaten Raum des Hotels „Mecklenburger Hof“ das Mittagessen serviert, während nebenan die DDR-Bürger nach einem freien Platz Schlange stehen. Einblick in Fürstenberger Sehenswürdigkeiten bleibt verwehrt: Das dreiflügelige Barockschloß fungiert als Krankenhaus und die freistehende imposante Pfarrkirche ist verschlossen. Beide Türme sind baufällig, aus einem wächst eine Birke in den Himmel.

Die ehemalige Grafschaft Ruppin zieht sich im Norden von Gransee bis Rheinsberg. Die Ausläufer der Brandenburgisch-Mecklenburgischen Seenplatte zeigen sich. Hin und wieder schimmert es blau durch die Baumlücken eines mächtigen Mischwaldes. Wir sind im Menzer Forst, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts, so berichtet Fontane, wegen seiner Unrentabilität Brennholz für Berliner Ofen wurde. Nach dreißig Jahren war der Wald weg. Er mußte neu aufgeforstet werden. Birken, Kiefern, Eichen und Buchen wurden gepflanzt. Heute sind sie fast 200 Jahre alt und zu einer grünen Pracht emporgewachsen, die ihresgleichen sucht.

Halt in Neuglobsow und Wanderung zum sagenumwobenen Stechlinsee. Beim Weg durch das Dorf begleitet mich Fontanes Alterswerk „Der Stechlin“. Den alten Dubslav von Stechlin würde es gewiß freuen, daß die „grüne Glashütte“, die ja nur ordinäre Flaschen produzierte, verschwunden ist. Dafür stehen jetzt betriebseigene Ferienheime da, die ebenfalls keine Augenweide sind. Dem Alltag entfliehen kann man zum Beispiel im Urlaubsdomizil „Stechlin“ mit der nicht zu übersehenden „Stechlin-Bar“.