Das Fiasko mit der Ambrosiano-Bank kostet 650 Millionen Mark

Erzbischof Marcinkus glänzte durch Abwesenheit, als Vertreter von 119 Banken im EFTA-Palast in Genf nach zweijährigen Verhandlungen mit Champagner auf den glücklichen Abschluß eines Vergleichs mit der vor zwei Jahren zusammengekrachten Mailänder Banco Ambrosiano anstießen. Der Anwalt des vatikanischen Bankinstituts für religiöse Werke (IOR) konnte auch nicht erklären, warum die Hauptperson nicht erschienen war – aber jeder wußte natürlich, daß der Bischof keinen rechten Grund zum Feiern hatte. Denn Paul Marcinkus zahlt als Präsident der IOR den Löwenanteil der Zeche. Das von ihm geleitete Institut steuert nämlich 241 Millionen Dollar (650 Millionen Mark) zum Vergleich bei, während die Liquidatoren der Banco Ambrosiano den Gläubigerbanken aus aller Welt nur 165 Millionen Dollar zukommen lassen.

Allein 144 Millionen Dollar davon bringt der Verkauf der Aktienmehrheit an der Schweizer Banca del Gottardo in Lugano. Käufer dieses äußerst gut gehenden Instituts ist die japanische Sumitomo-Bank. Daß die Schäden aus dem zunächst auf 1,3 Milliarden Dollar geschätzten Defizit beim Zusammenbruch der größten italienischen Privatbank am Ende doch erheblich geringer ausfielen als zunächst befürchtet, ist der Umsicht aller Beteiligten und vor allem der Geduld der internationalen Banken zu danken. Die ausländischen Gläubiger sehen sich dafür jetzt durch eine Vergleichsquote von 66 Prozent belohnt, denn sie erhalten 406 von ihren 610 Millionen Dollar betragenden Forderungen. Die Inlandsgläubiger waren vorab voll entschädigt worden. Die Notenbank und das nationale Bankensystem waren für sie eingesprungen.

Die Ursache für den bisher größten Krach der italienischen Bankgeschichte war der allzu große Ehrgeiz des Ambrosiano-Präsidenten Roberto Calvi. Der hatte das lange Zeit vor allem für den Mailänder Klerus arbeitende, betuliche Institut mit atemberaubendem Tempo zur größten Privatbankgruppe Italiens gemacht. In schöner Kooperation mit dem Präsidenten der vatikanischen Bank IOR, Erzbischof Paul Marcinkus, hatte Calvi am internationalen Kapitalmarkt spekuliert. Diese Zusammenarbeit war so eng, daß bei einer später vom Vatikan und dem italienischen Staat gemeinsam veranlaßten Prüfung nicht mehr mit Sicherheit festzustellen war, wem die zahlreichen lateinamerikanischen Tochtergesellschaften und Strohfirmen eigentlich gehörten – der vatikanischen Bank oder der Banco Ambrosiano.

Der Vatikan hat zwar stets die These vertreten, er sei nie Eigentümer dieser Firmen gewesen und habe die Besitztitel an ihnen nur im Depot verwahrt. Jetzt im Vertrag mit den Gläubigerbanken, erklärte sich die IOR aber auf einmal bereit und in der Lage, den Gläubigerbanken den Besitz an den in Panama ansässigen Gesellschaften Manie, Eric, Bellatrix, Worldwide Trading und Laramie zu übertragen.

Die Gruppe der 119 Banken hofft, daß sie bei diesen Firmen noch einige Aktiva entdeckt. Denn Calvi hatte sich praktisch den Besitz an diesen und anderen ursprünglich der Banco Ambrosiano gehörenden Auslandsgesellschaften angeeignet. Dies hatte die Vatikan-Bank bei einer Sonderprüfung entdeckt. Er hatte diese Prüfung heimlich in den Geschäftsräumen der gemeinschaftlichen Schweizer Kapitaldrehscheibe Banca del Gottardo vorgenommen, als Calvi wegen der Anklage des Devisenschmuggels in einem italienischen Untersuchungsgefängnis saß.

Die IOR forderte Calvi sofort dazu auf, die Sache in Ordnung zu bringen. Der Ambrosiano-Boß versprach auch, bis zur Jahresmitte 1982 die Schulden der Auslandstöchter Zu bereinigen. Der vatikanische Geschäftspartner half ihm daraufhin – so jedenfalls wird es dargestellt – mit Patronatsbriefen für einige der lateinamerikanischen Gesellschaften aus. Doch schon kurze Zeit später wurde Calvi wegen Devisenschmuggels in erster Instanz zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und konnte sein Versprechen nicht halten.