Von Arthur Kreuzer

Muß ein 15jähriger wegen einer Schlägerei gleich zu Freizeitarrest verurteilt werden? Er sitzt ihn in einer Arrestzelle "auf einer Backe ab". Oder er schläft in der Zelle seinen Alkoholrausch aus. Andere zeigen dann auf ihn: "Der hat gesessen! Der kommt aus dem Knast!" Warum sollte er statt dessen nicht lieber gemeinnützige Arbeit verrichten und mit Sozialarbeitern über seine Schwierigkeiten sprechen? So würde er sich die spätere Einstellung des Strafverfahrens "verdienen". Pädagogisch sinnvoll wäre es allemal, billiger obendrein.

Es könnte in unserem Jugendstrafrecht also genau anders zugehen. Aber auch das beste Jugendrecht scheitert, wenn Gerichte seine Möglichkeiten nicht nutzen.

Jugendgerichte sind Gerichte wie andere auch, was heißt, daß Jugendrichter und -staatsanwälte oft wechseln. Für ihre Aufgabe sind sie nicht ausgebildet. Zumeist orientieren sie sich am Denken und Handeln des Strafrichters für Erwachsene. Alternativen für eine Jugendgerichtsbarkeit zeigt eine Untersuchung des jungen Münchener Kriminologen Christian Pfeiffer auf. Wegen seiner Ergebnisse und Bemühungen um eine verbesserte Jugendkriminalrechtspflege wurde das Buch "Kriminalpräventation im Jugendgerichtsverfahren" mit dem Hermine-Albers-Preis zur Förderung der Jugendhilfe ausgezeichnet.

Pfeiffer ist ganz und gar kein "radikaler Kriminologe". Nicht Abschaffung des Jugendstrafrechts oder staatlicher Zwangseingriffe schlechthin sind sein kriminalpolitisches Credo. "Innere Reformen" strebt er an, Veränderungen "von unten" und in kleinen Schritten, nicht durch den Gesetzgeber, vielmehr durch die Beteiligten selbst, im Rahmen des geltenden Rechts. Nicht gegen die Praxis forscht er, sondern mit ihr, in ihr und für sie: "Die Wissenschaft muß auf die Praxis zugehen, wenn sie Veränderungen bewirken will." Er weiß darum, daß radikale Veränderer Bestehendes oft verfestigen. Und von oben angeordnete Reformen können in der Praxis unterlaufen werden.

Pfeiffer stellte fest, daß jugendliche Straftäter in München weitaus häufiger als andernorts förmlich verurteilt, ja mit Jugendarrest und Jugendstrafe belegt wurden. Theoretisch glaubt man jedoch zu wissen, daß Jugenddelikte meistens episodenhaft sind. Sie bedürfen keiner energischen Eingriffe. Abschreckende Wirkungen von Strafen werden gemeinhin überschätzt, schädliche Folgen außer acht gelassen. Es besteht nämlich die Gefahr, daß jemand wird, wofür man ihn hält: ein Krimineller. Wo Jugenddelikte indes Symptome erheblicher Entwicklungsstörungen sind, bedarf es erzieherisch sinnvollen Reagierens. Zuviel und zu förmlicher jugendstrafrichterlicher Aufwand verstärkt eher "kriminelle Karrieren", statt sie zu verhindern.

Ziel von Pfeiffers "Aktionsforschung" war es, solche theoretischen Annahmen zu ubeiprüfen, indem man für die Praxis Sanktionsalternativen erarbeitete und ihre Anwendung kontrollierte. Erzieherische Handlungsspielräume des Jugendgerichtsgesetzes sollten optimal ausgeschöpft, übermäßige Verfahrensförmlichkeiten vermieden werden. Geldbußen, Jugendarrest und zur Bewährung ausgesetzte Jugendstrafen galt es zu ersetzen durch sozialarbeiterisch begleitete "Betreuungsanweisungen" sowie Auflagen gemeinnütziger Arbeit.