Von Alexander Rost

Er steht in der Ecke der Geschichte wie keine andere Gestalt der Weimarer Republik, jener Kurt von Schleicher, dessen Charakter man prompt am Namen aufgeknüpft hat: „Creeper“ hat ihn John Wheeler-Bennet („Die Nemesis der Macht“, Düsseldorf 1954) den angelsächsischen Lesern durchaus im Einklang mit dem Nomenomen-Urteil in Deutschland ausdrücklich übersetzt; denn in der Tat ein Schleicher, heim- und hintertückisch, sei er gewesen, der letzte Reichskanzler, der vor Hitler kam und ging.

Ein Soldat? Aber kein Frontkämpfer. Ein General? Nur ein Bürogeneral. Eine feldgraue Eminenz? Ein Intrigant ohne Format. Ein Politiker? Bloß ein Taktierer. Ein Patriot? Ein Ego-Ehrgeizling und ein Verräter gar ... so haben sich die üblichen Meinungen über den „Herrn von Schleicher“, wie sie schon Goebbels, das „Herr“ mit höhnender Stimme degradierend, hingestanzt hatte, zu einer „Null minus“-Wertung summiert. Doch ein derart trübes Bild weckt doppelt skeptische Neugier; und gründlich andere Antworten auf nicht nur simple Fragen gibt jetzt:

Friedrich-Karl von Plehwe: „Reichskanzler Kurt von Schleicher. Weimars letzte Chance gegen Hitler“; Bechtle Verlag, München 1983; 350 S., 38,– DM.

Zum ersten Male ausführlich, in der Distanz des Historikers, die menschliche Nähe nicht ausschließt, ist also das Leben dieses Mannes beschrieben, dem gemeinhin außer den Schmähungen einige schrille, kaum minder rufschädliche Elogen galten und den die professionellen Historiker eigentlich nur als „Figur“ im Geschehen und eher en passant als etwa unter der Lupe betrachtet haben.

Anlaß, sich seiner zu erinnern, bietet eine runde Zahl. Vor 50 Jahren, am Mittag des 30. Juni 1934, wurden Kurt von Schleicher und seine Frau in ihrem Haus in Neubabelsberg bei Potsdam von Hitlers Schergen erschossen (und am Abend in Berlin sein engster Mitarbeiter Ferdinand von Bredow). Der sogenannte Röhm-Putsch habe Hitler die Gelegenheit zur Rache an seinem Vorgänger in der Reichskanzlei, der ihm die letzten Meter auf dem Marsch zur Macht hatte versperren wollen, gegeben.

Der General a. D. von Schleicher, so wurde verlautbart, habe hochverräterisch mit dem SA-Führer Röhm und landesverräterisch mit einem ausländischen Diplomaten (gemeint war Frankreichs Botschafter François-Poncet) konspiriert und sich der Verhaftung mit der Waffe widersetzt; seine Frau sei dazwischengetreten und in den Schußwechsel geraten. Auch wer die Lügen durchschaute, nahm sie hin.