Jetzt ist Schluß. Bevor noch eine Pressetribüne aufgebaut wird, möchten wir auch mal anfangen zu arbeiten." Ludwig Jäger, Professor für Deutsche Philologie an der Technischen Hochschule (TH) in Aachen, ist medienscheu geworden.

Kaum hatte Anfang April sein interdisziplinärer "Grundkurs in Sprachpraxis" begonnen, gaben sich die Journalisten die Klinke zu Raum 114 des Germanistischen Instituts in die Hand. Am Modellversuch beteiligt ist auch der Lehrstuhl "Deutsch als Fremdsprache". Entsprechend lauteten die Schlagzeilen: "Aachener Studenten brauchen Nachhilfe in ihrer Muttersprache" oder schlichter "Deutsch für Deutsche".

Worum geht es? "Viele Studenten", klagt Ludwig Jäger, "sind nicht mehr in der Lage, sich verständlich auszudrücken." Seine Erfahrungen gipfeln im Befund: "So manche Examensklausur grenzt heute an Legasthenie. Da ist eine neue Art von Analaphabeten entstanden."

Im Mittelpunkt des Kurses stehen praktische Übungen. Mit Interviewtechniken haben 21 Studenten angefangen, Grammatik und Rechtschreibung sollen im Laufe des zweisemestrigen Projektes folgen, dazu Formulierungs- und Wortschatztraining. Der kleine Kreis garantiert, daß jeder regelmäßig zur aktiven Mitarbeit gefordert wird. Videokameras kontrollieren die Arbeit, um Fehlerquellen und Schwächen – etwa in Übungsdebatten – detailliert zu entlarven. Die Sprachschüler müssen simple technische Vorgänge verbalisieren, etwa "Wie spanne ich ein Blatt Papier in eine Schreibmaschine". Aufgabe ist es, die Texte für verschiedene Adressaten zu formulieren, den Inhalt ziel- und wirkungsorientiert darzustellen. "Jeder Techniker", sagt Ludwig Jäger, "sollte sich sowohl in Fachkreisen als auch gegenüber Laien ausdrücken können." Sprachwissenschaftliche Erläuterungen dienen als Background für die praktische Umsetzung. "Ich muß kognitionstheoretische Zusammenhänge erklären", so Jäger, "damit nachvollziehbar wird, wodurch bei manchen Menschen Interesse an einer Sache entsteht oder plötzlich Langeweile; und durch welche sprachlichen Mittel ich mich bei wem verständlich machen kann."

Die Initiatoren wehren sich vehement gegen den Begriff "Nachhilfe", der wie ein Selbstläufer durch die Presse geistert. Nicht Defizite gelte es auszugleichen, sondern eine Zusatzqualifikation zu vermitteln, für einen zukünftigen "Sprachanwalt", einen "technischen Ombudsmann" oder Kommunikationsberater. Obwohl offensichtlich auf einem sehr niedrigen sprachlichen Niveau begonnen werden muß, sieht Ludwig Jäger neue Berufschancen: "Wer heute übt, exakt zu erklären, wie man einen Schnürsenkel zubindet, sollte morgen als Maschinenbauingenieur lesbare Gebrauchsanweisungen schreiben können."

Aus den oftmals eklatanten Fehlern und Formulierungsschwächen solcher Bedienungsanleitungen wollen jetzt auch Berliner Hochschullehrer die Konsequenzen ziehen. Sie bereiten einen Studiengang für technische Autoren vor.

Wo liegen die Gründe für die neue deutsche Sprachlosigkeit der Studenten? Da die "reformierte Oberstufe" den Gymnasiasten in Nordrhein-Westfalen erlaubt, Deutsch in den letzten Klassen abzuwählen, hatte die Landtagsfraktion der CDU den Schuldigen schnell gefunden. Von der SPD-Landesregierung wünschte sie Auskunft, warum jetzt "Nachhilfeunterricht" an den Hochschulen die Versäumnisse des Deutschunterrichts ausgleichen müsse. Jäger hält solche Zusammenhänge für "völlig absurd": "In anderen Bundesländern ist das Phänomen der Entsprachlichung genauso zu beobachten."