Wie beurteilt die öffentliche Meinung im Westen die Verteidigungs- und Abrüstungspolitik, ein halbes Jahr nach dem Beginn der Raketenstationierung in Europa? Die Meinungsforscher haben seit 1982 jedes halbe Jahr die gleichen Fragen zur Sicherheitspolitik gestellt – zuletzt im Oktober 1983 (ZEIT Nr. 51/1983): Der Vergleich ist also nicht nur zwischen den Ländern möglich, sondern auch innerhalb eines jeden Landes zwischen den Ergebnissen von heute und denen aus den vergangenen Jahren. Überall – außer in Großbritannien – ist die Angst vor Atomwaffen und vor einem Krieg überhaupt zurückgegangen. Nirgendwo ist sie so steil abgefallen wie in der Bundesrepublik und in Amerika. Bei der letzten Umfrage im vergangenen Oktober lag der Abschuß des koreanischen Jumbo über der Sowjetunion wenige Wochen zurück; das bevorstehende Scheitern der Genfer Raketen-Verhandlungen machte international Schlagzeilen; die Aktionen der Friendensbewegung verstärkte das Interesse an den Fragen von Krieg und Frieden in allen politischen Lagern. Das alles hat offenbar keine nachhaltigen Eindrücke hinterlassen; Krieg, Atomwaffen und die Weltlage machen den Deutschen weniger Sorgen. Die Veränderung in der Bundesrepublik reicht aber tiefer: Die Deutschen äußern überhaupt weniger Sorge über alle Probleme, die die Interviewer ansprechen – von der Kriminalität bis zur Staatsverschuldung und zur Arbeitslosigkeit. Folgt auf die Welle der Angst eine Wende zum Optimismus? die Sozialwissenschaftler vom Atlantic Institute schreiben: „Da sich weder die Arbeitslosenstatistik noch die wirtschaftliche Gesamtlage in Deutschland verbessert haben, läßt sich nur folgern, daß wir einen „Dekompressions-Effekt“ erleben: Nachdem die Spannung und der Streit über die Modernisierung der Atomrüstung im vergangenen Jahr so hohe Grade erreicht hatten, entweicht jetzt der Druck.“

Anders formuliert: Die Deutschen scheinen ihrer viel beschworenen Angst überdrüssig zu werden, dem Protest geht die Luft aus. Auf die Frage nach ihren größten politischen Sorgen zogen die Bundesbürger vor einem halben Jahr im statistischen Durchschnitt fast drei der zehn ihnen vorgelegten Sorgen-Karten. Diesmal wählten sie im Schnitt nur 1,3 Karten. Damit ist der Bundesbürger der Optimist unter den Befragten aus acht Ländern (Tabelle 1; außer in den hier aufgeführten Ländern fanden auch Umfragen in Italien, Spanien und Norwegen statt).

Die Ursachen der internationalen Spannungen werden 1984 ähnlich gesehen wie im Vorjahr: Die sowjetische Rüstung gilt überall als größte Gefahr – außer bei den Franzosen, denen die Zinsen in Amerika bedrohlicher erscheinen als die Waffen Moskaus. Die amerikanische Rüstung gilt den Deutschen, Engländern und Japanern als zweitschlimmste Gefahrenquelle. Viele Befragte nennen auf die Frage nach den Spannungsursachen auch die Verwicklungen der Supermächte in der Dritten Welt und Washingtons Politik gegenüber Moskau.

Im Zeitvergleich fällt auf, daß die Amerikaner die sowjetische Rüstung viel seltener nennen als vor einem Jahr; der Herbst 1983 war offensichtlich eine Ausnahmesituation. Die geringeren Sorgen der amerikanischen Bürger in diesem Frühjahr bedeuten nach Meinung der Analytiker des Atlantic Institute eine Rückkehr zum Normalzustand.

Und was sollen – nach Meinung der Befragten – die westlichen Politiker tun? Den Dialog mit der Sowjetunion suchen, und die Rüstungskontrollverhandlungen zu einem guten Ende führen – das empfehlen die Mehrheiten in allen Ländern. Bessere Zusammenarbeit der Europäer mit den Amerikanern und die Wahrung des militärischen Gleichgewichts, das sind Ratschläge, die mit einiger Distanz folgen – in Europa wie in den Vereinigten Staaten (die Umfrage lief vor der sowjetischen Olympia-Absage). Im Vergleich zum vergangenen Herbst fällt auf, daß weniger Amerikaner vom militärischen Gleichgewicht reden und daß in der Bundesrepublik die wirtschaftliche Einigung Europas einen neuen Rang gewonnen hat.

Zum erstenmal haben die Meinungsforscher von Louis Harris zwei wirtschaftspolitische Fragen in ihren Interviewkatalog aufgenommen: Wie stark neigen die Bürger der westlichen Industriestaaten zum Protektionismus? Und sind sie bereit, sich auf das Risiko des technischen Fortschritts einzulassen – auch wenn das Arbeitsplätze kostet? Buy British und entsprechende protektionistische Parolen finden in allen Ländern mit Ausnahne der Bundesrepublik die Zustimmung einer deutlichen Mehrheit.

Die zweite wirtschaftspolitische Frage stellt die Interviewten vor die Alternative „Technischer Fortschritt oder sichere Arbeitsplätze“. Große Mehrheiten in allen Ländern votieren für die Arbeitsplätze von heute gegen die technikbestimmte Welt von morgen. Nur in Frankreich und England optiert eine starke Minderheit für den technischen Fortschritt. Zwei Drittel der Deutschen wollen Arbeitsplätze auch um den Preis technologischen Rückstands sichern – dafür stimmen deutliche Mehrheiten in allen Berufs- und Altersgruppen. Einzige Ausnahme: die Anhänger der FDP. Sie stimmen zu 66 Prozent für Technik um den Preis von Arbeitsplatzverlusten.